Das Alter

Real betrachtet ist das Menschsein eine grenzenlose Selbsttäuschung. Wir sehen uns als die Lieblingsschöpfungen eines gütigen Gottes, mit dem wir abends über unsere Gebetet sprechen können, ihm unsere alltäglichen Wünsche nennen und eventuell für etwas Gelungenes oder Beglückendes danken. Je nach unseren verinnerlichten Vorstellungen versteht er uns, beglückt uns oder straft uns, wenn wir nicht seinem Willen folgen, d.h. seinem Willen, der aus unseren jeweiligen kulturellen Setzungen besteht. Als Kinder Gottes sind wir in die Welt geboren, in ihr geborgen und werden eines Tages, wenn unsere Zeit hier auf der Erde abgelaufen ist, wieder zu ihm zurückkehren, wo ein Traumgarten auf uns wartet, ein Garten voller Lieblingsdüfte und süßester Früchte. Wenn wir die richtigen Setzungen haben, warten sogar unzählige Jungfrauen auf uns. Der persönliche Gott ist die bedeutendste Setzung der westlichen Kultur. Im Laufe der Geschichte erlaubte sie sogar den Gläubigen, alle zu vernichten, die dieser Setzung nicht folgten und deren Besitz zu übernehmen. Vielleicht am extremsten in Amerika, wo man so einen Grund fand, ganze Völker auszulöschen. Gott hat so die Ungläubigen bestraft.

Unsere nächste Zuordnung ist die zur Natur. Sowohl emotional wie auch rational erkennen wir, dass wir ein Teil von ihr sind und ordnen uns darüber ihr zu. Aus ihr erhalten wir unsere Energie, unsere Orientierungsreize und unseren Bewegungshintergrund. Wenn wir uns ihr öffnen, können sich unsere Emotionen unendlich weit bis zum Empfinden der Transzendenz auftun, beziehungsweise sie rational in ihre kleinsten Details bewundernd zerlegen. Diese wieder zusammengebaut, ermöglicht sie uns, unsere Zivilisation zu schaffen, zunächst in Übereinstimmung mit ihr, aber dann unter Distanzierung von unserem emotionalen Bezug zu ihr zu einer eigenständigen energetischen Kraft, die zunehmend die Herrschaft über die Erde übernimmt. Der Mensch als Naturteil ist darin vielleicht nur störend, wenn er sich in die neue Welt nicht einordnen kann. Von seiner Evolution her ist alles an ihm nur Natur und kann er nur in einer bestimmten Naturzusammensetzung bestehen, einer Naturzusammensetzung, die er dabei ist zu zerstören.

Die vielleicht wichtigste Zuordnung für einen Einzelmenschen ist der Umstand, dass er von seiner Existenz her zunächst nicht nur eine chemische Einheit darstellt, sondern jeder einzelne von uns ein eigenständiges Chemiewerk ist. Jeder ein anderes, ein jeder in seinen Abläufen von seiner DNA und seiner Orientierungsausrichtung her anders programmiert. Wir führen dem Körper Energie zu und dann für seine weiteren chemischen Funktionen Fette, Proteine, Mineralien, Vitamine und Flüssigkeiten. Hinzu kommen für unsere jeweiligen Dopaminaus-schüttungen noch die Gifte hinzu, die jene aktivieren, wie Alkohol, Nikotin und Zucker. Durch unsere genetische Programmierung laufen die chemischen Prozesse weitgehend autonom ab. Geraten sie aus ihren Gleichgewichten werden wir im körperlichen Bereich physisch und innerhalb unseres Transmitterbereichs psychisch krank. Zu dieser körpereigenen Programmierung kommt noch wegen unserer Abhängigkeit von unserem Mikrobiom unsere symbiotische Existenz mit diesem.

Zu den großen Träumen der Menschheit gehört es, uralt werden zu wollen. Doch wenn man ein gewisses Alter dann erreicht hat, weiß man nicht, ob der Traum wirklich so gut ist. Mindestens fünf mehr oder weniger schwere Krankheiten belasten einen durchschnittlich ab dem 60. Lebensjahr (besonders in den Bereichen des Muskelabbaus, der Sinnesorgane, des Stoffwechsels und des Immunsystems). Manche sind mit großen Schmerzen verbunden. Bereits mit dem 30. Lebensjahr beginnt der zellulare Abbau. Als biologisches Wesen ist der Mensch nur auf eine kurze Lebensphase hin programmiert. Man kann sie vielleicht verlängern, möglichst relativ gesund bleibend, aber nicht ins Unendliche ausdehnen. Vielleicht kann man eines Tages alle seine Organe durch technische Hilfsmittel ersetzen, sein Gehirn durch einen mit allen menschlichen Befähigungen versehenen Quantencomputer, doch dann ist die geschaffene Existenz kein evolutionärer Mensch mehr, sondern eine seinen heutigen Wunschvorstellungen entsprechender Avatar. Wollen wir das wirklich? Zurzeit verlieren fast alle unsere historischen Werte, aus ihren früheren Zusammenhängen gerissen, ihre einstige Bedeutung. Die aktuelle zivilisatorische Entwicklung verändert sich zwar fast jährlich, aber wir wurden orientierungsmäßig noch von Jahrtausende alten Religionen und Philosophien geprägt und verstehen die Welt über die früheren Betroffenheiten.

Das Altern ist

  • verbunden mit dem Verlust unserer physischen und geistigen Leistungsfähigkeit.
  • ein Abbauprozess der körperlichen und der geistigen Körperfunktionen.
  • eine Anhäufung mehr oder weniger zufälliger zellularer Schäden.
  • der biologische Preis für unsere in der Evolution entstandenen komplexen Gewebe- und Organstrukturen.
  • ein kaum unter Kontrolle zu bringender allmählicher Kompetenzverlust.
  • die Folge eines biologischen Mechanismus.
  • ein komplexer Prozess, der in unseren Zellen auf molekularer Ebene stattfindet. Es ist kein in sich festgelegter Ablauf.
  • eine Summierung kleinster Zellschäden und ein Nachlassen der Körperfähigkeit sie zu reparieren.
  • ein Rückblick auf lebenslange Erfahrungen.
  • ein zunehmender Verlust an Selbständigkeit.
  • sein Leben nicht mehr selbst gestalten können.
  • oft ein radikaler Verlust des Lebenssinnes.
  • ein Kompensationsprozess mit Hilfe von Mythen.
  • ein Warten auf den Tod.
  • zunächst ein biologisches, dann ein psychisches, soziales und letztlich ein philosophisches Problem, dem wir technologisch zu entrinnen versuchen.
  • das Ergebnis einer evolutionsbiologischen Anpassungsstrategie des Lebens. Ohne den Tod gäbe es keine Entwicklung.

Altern und Tod sind Mechanismen unserer Evolution. Dabei sollte es unser Lebensziel sein, nicht ein maximales, sondern ein optimales Alter zu erreichen. Es kann nicht unser Ziel sein, es molekularbiolobgisch von Gebrechen begleitet zu verlängern, sondern dies allein bei einer möglichst guten Gesundheit. Der Traum von einer ewigen Jugend und einer Unsterblichkeit entspricht nicht der biologischen Evolution, deren Kinder wir sind. Dabei kennen wir deren entelechischen Gesetze gar nicht. Eher wird der Mensch als Teil der bestehenden Natur aus ihr ausgegliedert, wie es in der Geschichte des Lebens bisher vielen Arten erging, als dass die Quantengesetze des Universums durch ihn aufgehoben werden.

Wir wissen, dass es kein Entrinnen vor dem Alter und dem Tod gibt. Selbst bei bester Ernährung, viel Bewegung, befriedigenden sozialen Kontakten und idealen Arbeitsverhältnissen verschlechtert sich allmählich die Arbeit unseres Körpers und seiner Organe zunehmend. Bei allen mehrzelligen Organismen gibt es keine Unsterblichkeit. Sie bestehen aus vielen verschiedenen Zellen, die verschiedene Aufgaben abdecken. Sie wachsen, teilen sich und erleiden im Laufe ihrer Existenz Funktionseinbußen, durch die sie altern und sterben. Das kann bei den verschiedenen Körperteilen, Geweben und Organen sehr verschieden sein:

  • In den Geweben können sich Schadstoffe ansammeln.
  • Abgestorbene Zellen können nicht mehr ersetzt werden und die Organe verlieren ihre Funktionsfähigkeit.
  • Die Teilungsfähigkeit der Zellen wird von genetischen Programmen gesteuert. Sie ist begrenzt.
  • Wahrscheinlich kommen beim Altern mehrere Mechanismen zusammen.

Besonders schädigend sind wegen ihrer Aggressivität die freien Radikalen. Sie werden als Nebenprodukt besonders bei der Zellatmung in den Mitochondrien gebildet. Der Körper erhält zwar über sie seine Energie und schützt sich vor den freien Radikalen mit Hilfe von Enzymen. In ihrer Gesamtheit und über die Zeit sind sie aber am Alterungsvorgang trotzdem beteiligt. Gegen sie helfen im Körper unter anderem die Vitamine A, C und E. Inwieweit diese den Alterungsprozess aufhalten können, ist allerdings unbekannt. Außerdem helfen gegen die freien Radikale kalorienreduzierte Diäten.

Außerdem wird der Alterungsprozess beeinflusst von

  • Schäden in der DNA: Manche Gewebe können sie relativ leicht verkraften (z.B. das Blut, die Haut), andere dagegen nicht (z.B. das Nervensystem). Eine Folge davon sind z.B. frühe Gedächtnisstörungen und Konzentrationsprobleme.
  • Schäden der DNA der Mitochondrien durch die freien Radikalen gefährden besonders.
  • der Oxidierung der Proteine, die sich dann in den Nervenzellen ansammeln und zu Gedächtnis- und Konzentrationsschwierigkeiten führen.
  • Chemikalien, die die Erbsubstanz (DNA) schädigen (z.B. Zigarettenrauch, Autoabgase, Toxine).
  • Zucker durch seine krankhaften Verbindungen mit den Wänden der Blutgefäße.

Neben diesen zufallsabhängigen Alterungsprozessen gibt es auch genetisch festgelegte Alterungsprogramme, „biologische Alterungsuhren“:

  • Bei besten Existenzbedingungen können sich die Bindegewebezellen des Menschen bis zu 60x teilen, bei jungen Erwachsenen etwa 40x, bei 80jährigen nur noch wenige Male (eine Folge davon u.a. ist: die Wunden älterer Menschen heilen schlechter). Die Ursache davon ist, dass bei jeder Zellteilung die Chromosomenenden (Telomere) immer kürzer werden. Nach einer gewissen Teilungszahl wird ein betroffenes Genteilungsunfähig und stirbt ab. Weshalb die Nerven- und Herzmuskelzellen, die sich nicht teilen, auch absterben, weiß man nicht. Auch scheinen einige bestimmte Gene auf den Alterungsprozess einen Einfluss zu haben. Man beobachtete dies bei bestimmten Erbkrankheiten.

Manche 100jährige sind körperlich gesunder und geistig frischer als manche 80jährige. Bei ihnen scheinen die Abbauprozesse langsamer zu verlaufen. Ihre „Langlebigkeitsgene“ scheinen zu sein:

  • Ein besonders günstiges Immunsystem,
  • eine besondere Befähigung freie Radikale auszuschalten,
  • der Besitz eines Langlebigkeits-Gens (Apo-E2).

Inzwischen versucht man molekularbiologisch Wege zu finden, um das Leben zu verlängern. Biologisch scheint es so zu sein, dass dadurch allerdings die Fruchtbarkeit der dazu befähigten Individuen abnimmt.

Der evolutionäre Sinn des Alterns ist:

  • Zunächst folgt die biologische Evolution einer jeweils besseren Anpassung der Organismen an eine vorgegebene Umwelt. Ursprünglich stammt alles Leben aus einem gemeinsamen Ursprung. Danach selektierte es sich über Mutationen und Auslesen. Die Folge davon war, dass sich im Laufe der Zeit die Arten änderten, beziehungsweise neue entstanden. Biologisch dauerte unter diesen Bedingungen eine Existenz, dass ein Leben nur so lange bestehen musste, bis es seine genetischen Informationen weitergegeben hatte und seine Umwelt so beschaffen war, dass sie für dessen Existenz die nötige Energie lieferte. Eine Folge davon ist z.B., dass Individuen mit Erbanlagen, die früh zu Krankheiten führen, von ihrer Natur her schnell ausselektiert werden. Welche Reaktionsfolgen unsere verschiedenen Gene (ca. 25.000 proteinkodierte) haben, wissen wir nur begrenzt. Manche bieten uns in unserer Jugend Vorteile und im Alter Beschwerden (fördern z.B. in der Jugend unsere Sexualität und im Alter Krebserkrankungen der Geschlechtsorgane).

Unser Alter wird von vielen genetischen Faktoren bestimmt. Wir werden voraussichtlich  unsere programmierte Lebenszeit zwar nicht verlängern, wohl aber in Zukunft gentechnisch Immundefekte und genetische Enzymstörungen auffangen und damit verschiedene Alterskrankheiten mildern, bzw. auffangen können. Das Problem dabei dürfte eine nötige parallel verlaufende geistige Mitentwicklung sein. Schon heute können wir Älteren z.B. der digitalen Entwicklung kaum folgen und in Zukunft dürften sie mit Hilfe der KI viel schneller ablaufen. Zurzeit ist alles an ihr auf unsere körperliche, soziale und geistige Naturentfremdung angelegt. Unsere Setzungen von der Kindeserziehung, Sexualität bis hin zu unserem Gemeinschaftsverhalten entsprechen immer weniger unserer biologischen Programmierung. Wegen ihres oft unangreifbaren Setzungscharakter bemerken wir es nur nicht. Und gleichzeitig mit dieser Entwicklung zerstören wir zunehmend unsere existentiellen Lebensgrundlagen, von unserer Umwelt (Nahrung, Energiezufuhr) bis hin zu unserer naturfremden sinnenbezogenen Reizwelt und bauen parallel dazu mit unserer digitalen Welt eine quantenorientierte völlig neue energetische Welt als eigene Evolutionsstufe auf. Wir werden uns in dieser Situation entscheiden müssen, auf welches Ziel hin wir uns entwickeln wollen:

  • weiter als Teil der biologischen Natur,
  • als genetischer Avatar mit vorgegebenen ideologischen Setzungszielen,
  • als zuarbeitender Avatar einer sich ins Unbekannte entwickelnden digitalen Welt.

Wir werden dazu gar keine anderen Alternativen haben.

Im Laufe der Geschichte hat sich die Einstellung dem Alter gegenüber stark verändert:

  • In der Frühphase der Menschheit hing deren Überleben oft von der Erfahrung der „Alten“ ab.
  • In ihrer Frühgeschichte entstanden dann sippenübergreifende Herrschaftssysteme und das Alter verlor seine bisherige Bedeutung.
  • Im Mittelalter stand seine Schwäche im Vordergrund der Betrachtung.
  • Durch die Reformation wurde es dann stark aufgewertet. Die Zeit des Patriarchats begann.
  • Durch die Industrialisierung entstanden einerseits Massenarmut und auf der anderen Seite die bürgerliche Familie des Biedermeiers.
  • Mit den bismarckschen Sozialgesetzen begann die staatlich gestützte Institutionalisierung des Alters.
  • Im 20. Jahrhundert wurden durch medizinische Fortschritte die mittlere Lebenserwartung stark angehoben und das Rentnerdasein erlaubte eine zunehmende Vielfalt an Lebensmöglichkeiten.

Mit dem Beginn der Hochkulturen (u.a. Mesopotamien, Ägypten, Kreta) setzt die Zeit der verschiedenen Königsherrschaften ein. Zwischen den Herrschenden und den Untertanen entstand ein großes Machtgefälle. Es entstanden Berufe und damit ein spezialisiertes Wissen, das das bisherige Traditionswissen der Alten ablöste. In der klassischen griechischen Komödie wurde die Kritik an ihnen deutlich. Das Ideal wurde der jugendliche Held, offen für die Schönheit und Lebenskraft. Den Alten wurde nur der Konsum des Weines zugesprochen. Die Jugend wurde glorifiziert und das Alter negativ betrachtet und in Verbindung mit Krankheit, Elend, Armut und Krieg gebracht. Im Alter würde man für die negativen Angewohnheiten seiner Jugend bezahlen. Man verlöre seine Wärme, Leidenschaft und befände sich in einem Prozess des Erkaltens und Vertrocknens. Man verlöre seine vier Körpersäfte (Blut, Schlein, gelbe und schwarze Galle, so Hippokrates, 460 – 370 v. Chr.). Um das Gleichgewicht seiner Körpersäfte wieder herzustellen, sollte man der Trockenheit (Blutmangel) und der Kälte (Lebenskraft) des Alterns entgegentreten. Galen (um 129 – 216 n. Chr.) sprach dem Alter eine eigene Form der Gesundheit zu. Bereits er schreibt von dem Wunsch, sein Altern zu verlangsamen und möglichst lange gesund zu bleiben. „Das Alter wird nur dann respektiert werden, wenn es um seine Rechte kämpft und sich Unabhängigkeit und die Kontrolle über das eigene Leben bis zum letzten Atemzug bewahrt“ (so Cicero, 106 – 43 v. Chr.).

Bereits Aristoteles (383 – 322 v. Chr., in „Rhetorik“) beschrieb die negativen Auswirkungen des Alters sehr ausführlich: Die Betroffenen reagieren auf alles vorsichtiger. Sie sind oft pessimistisch, bösartig und engstirnig. Dabei sind sie kleinlich und ängstlich. Sie lieben sich besonders selber, sind rücksichtslos und auf ihren Vorteil bedacht. Ihre Hoffnungen reduzieren sich auf den Wunsch weiterzuleben. Sie leben in der Vergangenheit, obwohl ihre Zukunft nur kurz ist, werden leicht zornig. Mitleid gilt bei ihnen als ein Ausdruck der Schwäche. Das Alter raubt das Lachen und die Freuden des Lebens.

„Dann kommt unbemerkt das Alter über dich, in dem sich alles Böse und Tödliche der Natur vereint. Und wenn du deine Schuld nicht schnell mit dem Leben bezahlst, schreitet die Natur ein wie ein kleiner Dieb und nimmt sich ihren Teil – deine Sehkraft, dein Hörvermögen, oft auch beides. Und wenn du dennoch weiterlebst, lähmt sie dich, verstümmelt und zerreißt dich schließlich“ („Axiochos“, unbekannter Autor, Text wahrscheinlich im 2. Oder 1. Jh. v. Chr. entstanden).

„Das Alter bringt Vieles mit sich. Gutes wie auch Schlechtes. Gut ist, dass es uns von den wildesten Leidenschaften befreit. Es beendet die Sinnesfreuden, zerstört die Lust, steigert die Weisheit und lässt uns sorgfältiger urteilen. Schlecht sind jedoch die damit einhergehenden Unzulänglichkeiten und der Abscheu, den das Alter auslöst“. (Isidor von Sevilla, gestorben 636 n. Chr., Nationalheiliger von Spanien).

Papst Innozenz III (1160 – 1216) beschreibt das Bild eines alten Mannes: Ein schwaches Herz, ein geneigter Kopf, ein faltiges Gesicht und ein krummer Rücken. Seine Augen lassen nach, seine Gelenke werden schwach, seine Nase läuft, seine Hand zittert. Er bewegt sich ungelenk, seine Zähne fallen aus und seine Ohren werden taub. „Junge Männer! Seid nicht stolz angesichts eines alternden Mannes; er war einmal so, wie ihr seid, und ihr werdet einmal so sein, wie er ist“. Der Verfall und die zunehmende Unansehnlichkeit des Körpers galten für ihn als Hinweis auf die Zerbrechlichkeit, Vergänglichkeit und Bedeutungslosigkeit dieser Welt.

Die Altersvorstellungen der Menschen in Europa haben sich seit der Antike kaum geändert. Bereits in Athen waren die Kinder verpflichtet, im Alter für ihre Eltern zu sorgen. Dadurch wurden diese von ihren Kindern abhängig und wurden zunehmend bevormundet.   

Im Mittelalter glaubte man, dass das Alter einem göttlichen Plan folgt. Das Leben wurde in verschiedene Phasen eingeteilt: Kleinkind, Jugend, Erwachsenenalter, Alter, Tod und Grab. Es war weitgehend eine Geschichte der Armut. Während die Wohlhabenden noch relativ lange gesund blieben, alterten die Armen wegen ihrer schlechten Ernährung schon sehr früh. Nur 5 – 10 % wurden 60 Jahre alt und älter, nur die Hälfte der Menschen wurde 20 Jahre alt. Wer überlebte, besaß eine große gesundheitliche Stabilität. Man verherrlichte die Jugend und spottete über die Alten in ihrer Gebrechlichkeit. In der Renaissance (14./15 Jh.) erreichte der Spott über sie dann seinen Höhepunkt. Der alte Mann und die junge Frau wurden zu typischen literarischen Charakterisierungen der damaligen Situationen.

Der ersten Schritt für eine neue Altersbewertung erfolgte durch Thomas Hobbes (1588 – 1679). Er wollte den bis dahin bestehenden Krieg „aller gegen alle“ durch einen Staatsvertrag ersetzten, indem er einem staatlichen Gewaltmonopol die Sicherheit der einzelnen Bürger gegenüberstellte. Dazu gehörten dann auch die Alten. Das Verhältnis der Menschen wurde damit von einer neuen Rationalität bestimmt. Man erkannte das aufeinander Angewiesensein. Die Lebensansprüche der Alten ergaben sich aus ihren bisherigen Leistungen für die Gemeinschaften. Religiös ging der Glauben an eine „Ewigkeit“ verloren, Kant erklärte eine Existenz Gottes für nicht beweisbar. Der Leiter des botanischen Gartens in Paris Georges Louis Buffon (1707 – 1788) entwickelte ein Lebenskonzept, das sich mit seinen Phasen Wachstum, Blühen und Vergehen an die Natur anlehnte.

  • „Mit fortschreitendem Alter werden die Knochen, die Knorpel, die Schleimhäute, das Fleisch, die Haut und alle Fasern des Körpers zunehmend fester, härter und trocken; alle Körperteile schrumpfen, alle Bewegungen werden langsamer, schwieriger; die Zirkulation der Flüssigkeiten ist erschwert, die Schweißabsonderung lässt nach, die Sekrete verändern sich, die Verdauung der Nahrung wird langsamer und mühsam, die nahrhaften Flüssigkeiten werden weniger, und da sie von den meisten Fasern, die zu schwach geworden sind, nicht aufgenommen werden, dienen sie nicht länger der Ernährung; die zu festen Körperteile sind bereits tot, da sie sich nicht mehr ernähren; so stirbt der Körper schrittweise und Teil für Teil ab, seine Bewegungen nehmen allmählich ab, das Leben erlischt durch eine Reihe von Veränderungen, und der Tod ist nur die äußerste Grenze dieser Folge von Schritten, die letzte Nuance des Lebens“.

Langsam wird in Frankreich das Alter entchristlicht und entmystifiziert. Der Baron d’Holbach (Paul Thiry, 1723 – 1789, Philosoph) schreibt über die letzte Lebensphase eines Menschen:

  • „Im Alter verblast der Mensch völlig, seine Fasern und Nerven werden steif, seine Sinne stumpfen ab, seine Sehkraft wird trüb, seine Ohren werden schwieliger, seine Gedanken verlieren den Zusammenhang, sein Gedächtnis schwindet, seine Phantasie ist gedämpft; was wird also aus seiner Seele? Leider vergeht sie gleichzeitig mit dem Körper“.
  • „Die Natur sagt den Kindern, dass sie ihre Eltern ehren, lieben, behüten und im Alter unterstützen sollen; die Religion sagt ihnen, den Orakeln ihres Gottes Vorrang zu geben und Vater und Mutter zu verschmähen, wenn dies im göttlichen Interesse ist“.

Jean Goulin (1728 – 1789, frz. Arzt) nennt als Krankheit alter Männer:

  • „Gicht, Rheuma, Augenschwäche, Schwäche in den Beinen, Katarrh, Stumpfsinnigkeit, Schlaganfall, Sodbrennen, Lethargie, Lähmungen, Durchfall, Skorbut und das Versiegen von Samenflüssigkeit und Tränen“.

Mit der Aufklärung kam ein Wandel in der Einstellung dem Alter gegenüber. Die Religionen fingen an, ihre bisherige Bedeutung zu verlieren.  Die Stammfamilie gewann an Bedeutung und die Existenz der Alten wurde zunehmend von den Kindern gesichert. Im 18. und 19. Jahrhundert gewannen die Großeltern in den Familien eine größere Bedeutung. Die zunehmende allgemeine Verarmung führte zu einer größeren inneren Bindung. Besonders in Frankreich bemühte man sich um die Alten. Der Respekt ihnen gegenüber wurde am Ende des 18. Jahrhunderts dort zur Bürgerpflicht. Die französische Revolution brachte ihnen gegenüber mehrere Verbesserungen (u.a. die Altersversorgung der Beamten. Sie wurde später zum Modell für die Sozialversicherungen). In Deutschland bestimmte seit dem 30-jährigen Krieg die Autorität des Familienoberhauptes das familiäre Zusammen-leben, im 18. Jahrhundert wurde es gefühlsbetonter. Es erfolgte ein allmählicher Wandel vom Religiösen zum Weltlichen, eine allmähliche Entwicklung zu einer Verbraucherkultur setzte ein. Eine bestimmte Kleidung wurde zu bestimmten Generationen in Beziehung gebracht.

Das 19. Jahrhundert wurde dann von seiner Industrialisierung, Verstädterung und einem gewaltigen Bevölkerungswachstum bestimmt. Das Arbeitsleben der Menschen änderte sich radikal. Die jungen Menschen zogen in die Städte, der Maschineneinsatz veränderte ihre Lebensweisen. Die bisherigen Familienstrukturen erforderten neue Lebensweisen. Besonders der Mittelstand profitierte davon. Es war die Zeit des Biedermeiers, des Bürgertums, der auch den alten Menschen ihren Unterhalt in den Familien sicherte. Auf dem Land war die Armut der Menschen leichter zu ertragen gewesen als in den Städten, aber die Alten mussten dort möglichst lange weiter tätig sein. In den Städten gab es oft keine Fürsorge leistende Verwandtschaft und eine Verelendung großer Bevölkerungs-gruppen setzte ein. Armut und Obdachlosigkeit bestimmten oft die Stadtbilder. Das verbreitete Elend führte zu neuen Erlösungsideologien. Der Sozialismus war eine davon und bestimmte die soziale Entwicklung des nächsten Jahrhunderts. Bismarck reagierte auf diese Situation mit breit angelegten Sozialversicherungen gegen Krankheit, Unfall, Alter und Invalidität. Die Sozialpflege wechselte von einer kirchlichen Aufgabe zu einer staatlichen Pflichtleistung. Armenhäuser wurden in den Städten eingerichtet. Der Tod wurde als eine natürliche Gegebenheit zunehmend anerkannt und als Ursache für ihn von den Behörden „altersbedingte Gebrechlichkeit“ angegeben. Durch neue medizinische Erkenntnisse (u.a. in der Kindbettsterblichkeit), eine breit angelegt Seuchenkontrolle (u.a. öffentliche Hygiene), Einschränkung der Kinderarbeit (zur Förderung ihrer militärischen Tauglichkeit), der Schulpflicht und einem breiteren Warenangebot erhöhte sich die Lebenszeit der Menschen.

Kulturell entwickelten sich in den verschiedenen Gesellschaften sehr verschiedene Ein-stellungen dem Alter gegenüber:

  • Die westliche Kultur idealisierte besonders die Jugend.
  • Die chinesische Kultur betont die familiäre Stellung der Alten,
  • die indische Kultur die Todesnähe und die Aussicht auf eine Wiedergeburt.

In der Frühphase der Menschheit genoss das Alter keinen besonderen sozialen Stellenwert. Man lebte als Jäger und Sammler, und alle waren bemüht, den Lebensunterhalt zu sichern. Auf der nächsten Kulturstufe („neolithische Revolution“, ab ca. 10.000 v.Chr.) hatten die Älteren auf Grund ihrer größeren Lebenserfahrung immer einen Vorrang vor den Jüngeren und wuchsen so in Machtpositionen. Immer bestimmten die jeweiligen Gesellschaften den Lebensabend ihrer Alten. Manche umhegten sie, manche schickten sie zum Sterben in die Einsamkeit. Bei gesellschaftlichen Umbrüchen wurden ihre Existenzbedingungen immer wieder neu austariert. Zurzeit befinden wir uns wieder in einer solchen Situation, einerseits die Konsumansprüche der arbeitenden Generation und andererseits die der immer mehr werdenden alten Menschen. Einerseits verlängert die moderne Medizin viele Leben, andererseits schieben die neuen Technologien viele ihrer Vielzahl in ein unausgefülltes Nischendasein. Noch kennen wir nicht die Zielwerte, auf die man sich einigen wird, zumal wir auch nicht die Schnelligkeit der künftigen Entwicklungen kennen. Die globalen Hegemonialansprüche einzelner Staaten durch ihre technologische Überlegenheit, abgesichert durch ihre militärische Macht und deren Unterdrückung jeder anderen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Entfaltung lassen für die Zukunft der Gesamtmenschheit kaum etwas Positives erwarten.

In den verschiedenen Kulturen machen die Alten im Umgang mit ihnen verschiedene Erfahrungen. Bei uns dürfte vielleicht die allmähliche Vernachlässigung ihrer psychischen Befindlichkeit das größte Problem sein. Die alten Familienstrukturen sind zerfallen. abgeschoben in Heime, behält ihr Dasein keinen Sinn mehr. Heute werden die Menschen immer älter. Die allgemeine Lebenserwartung der Männer beträgt in Deutschland (2026) 79.1 Jahre und die der Frauen 83,6 Jahre. Dabei werden die Menschen nicht nur älter, sondern bleiben auch länger gesund. Der inzwischen allgemein erreichte höhere Lebensstandard, hygienische Maßnahmen und der medizinische Fortschritt sind der Hintergrund dieser Entwicklung. Allgemein ist eine allmähliche Überalterung der europäischen Bevölkerung zu beobachten. Eine Folge davon ist ihre zunehmende Pflegebedürftigkeit und eine Zunahme bestimmter Krankheiten wie Alzheimer.

In der Regel haben wir eine falsche Vorstellung vom Alter. Eigentlich sind immer nur die anderen alt, es sei denn, man hat irgendwelche Gebrechen oder sieht bei einem Ehemaligentreffen nach vielen Jahren in die Gesichter seiner früheren Gefährten. Wir machen uns auch falsche Vorstellungen, wie alt Menschen überhaupt werden können. Anscheinend beträgt biologisch die obere Grenze 120 Jahre. Noch vor dem 20. Jahrhundert betrug die durchschnittliche Lebenserwartung eines Menschen ca. 40 – 45 Jahre (u.a. mitverursacht durch die frühere hohe Kindersterblichkeit). Heute (2026) werden in Deutschland die Männer durchschnittlich ca. 79,1 Jahre alt und die Frauen ca. 83,6 Jahre. Noch im Jahr

  • 1900 wurden nur 7,8 % der Bevölkerung in Deutschland über 60 Jahre alt,
  • 1990 waren es 20,3 %,
  • 2030 sollen es etwa 32 – 34 % werden (mehr als 25 Millionen in Deutschland).

Unser Leben verläuft in verschiedenen altersabhängigen Abschnitten (angelehnt an Havighorst):

  • als Kleinkind: Es ist unsere Prägungsphase in der weitgehend u.a. die Transmitterwege in unseren Gehirnen festgelegt werden,
  • 6 – 12 Jahr: Es ist die Lernphase für unsere Körperbeherrschung, unser soziales Rollenverhalten, unsere kulturellen Fertigkeiten, unsere Wertwelt und derEntwicklung unseres Selbstbildes.
  • 13 – 18 Jr.: Es ist die Zeit der Übernahme unserer Geschlechtsrolle, der beruflichen Vorbereitung, der Loslösung vom Elternhaus und dem Aufbau seines Orientierungssystems als persönlicher Handlungsrahmen
  • 19 – 30 Jr.: Zeit der Erlernung eines Berufes, der Partnerwahl und seiner sozialen Integration.
  • 31 – 60 Jr.: Zeit der beruflichen Karriere, der Kindererziehung, der Übernahme sozialer Verantwortung, des Anpassens an das Älterwerden der Eltern und der Neudefinition der Partnerbeziehung.
  • ab 61: Zeit der Anpassungen, beziehungsweise der Abschiede an die abnehmende körperliche und geistige Leistungsfähigkeit, der Tod nahe stehender Menschen, evtl. Aufbau altersbedingter Rollen und Lebensinhalte, neuer sozialer Verbindungen und angemessener Wohnverhältnisse.

Viele der mit diesen Inhalten verbundenen Rollen werden uns von außen vorgegeben. Wir können ihnen nur folgen. Im Alter kommen dann noch unsere inneren abbauenden Vorgaben hinzu, denen wir auch nicht entweichen können, manche schleichend, sich immer stärker bemerkbar machend, andere plötzlich von einem Tag zum anderen, wenn bestimmte Kipppunkte erreicht sind (so z.B. das plötzliche Versagen mancher Gelenke).

Heute wird das Alter in vier Untergruppen unterteilt:

  • „junge Alte“ (55 – 70 Jr.): Hier unterschied eine Studie der Bundesländer die
    • resignierten Alten (15 %): Sie fühlen sich oft benachteiligt und haben oftein niedriges Einkommen.
    • gemeinschaftsorientierten Alten (29 %): Sie ziehen sich auf persönliche Bedürfnisse zurück und pflegen Gemeinschaftstraditionen.
    • pflichtbewussten Alten (32 %): Hier sind es besonders kleinbürgerliche Frauen, die ihr Lebensglück im Privatleben suchen.
    • aktiven, neuen Alten (24 %): Sie streben nach Selbstverwirklichung. Oft sind es technokratisch-liberale Großstadtbewohner aus dem akademischen Bereich.
      Zwischen dem 50. Und dem 60. Lebensjahr erleben die meisten Menschen die ersten Anzeichen ihres Alterungsprozesses. Das berufliche Ende gerät in Sichtweite, die Kinder haben das Haus verlassen und die Umwelt beginnt auf sie Rücksicht zu nehmen.
  • Alte im engeren Sinne (die „Älteren“, 70 – 85 Jr.),
  • Hochbetagte (über 85 Jr.): Das „hohe Alter“ wird in der Regel eingestuft als die Zeit der Kräfteabnahme, der Gebrechlichkeit, des Verzichts, der Krankheit, des Starrsinns und der Einsamkeit. Positiv kann ihm der Besitz von Zeit zugeschrieben werden, der Ruhe und der Möglichkeit sich transzendenten Inhalten zuwenden zu können.
  • Höchstaltrige (über 100 Jr.).

Bei den 75 – 80jährigen setzen verstärkt die körperlichen Veränderungen ein: Gehbeschwerden, zunehmende Krankheiten, geistige Verlangsamung, abnehmende soziale Kontakte, oft Einsamkeit

Ab 80 überschreitet man einen Schwellenwert nach dem alle Körperorgane und geistigen Bereiche zunehmend Abbauerscheinungen haben, dazu gehören:

  • die Zahl der Krankheiten nimmt zu (besonders die chronischen),
  • die geistige Leistungsfähigkeit nimmt ab (50 % der über 90jährigen sind dement),
  • Angewiesensein auf Pflegehilfen,
  • zunehmende Vereinsamung.

Im höheren Alter ist unsere Gesellschaft zu ¾ eine Frauengesellschaft.
Mit 80 oder 90 Jahren können die negativen biologischen Veränderungen immer weniger kompensiert und sozial ausgeglichen werden.
Zusätzlich kann man die Menschen nach gesundheitlichen Kriterien, persönlicher Aktivier-barkeit, Interessen und kultureller Teilnahme unterscheiden.

Mit dem Zuwachs an Lebensjahren ist allerdings nicht die Lebensqualität mitgewachsen. Schuld daran sind u.a.

  • die biologisch artfremde Fehlernährung (u.a. der zu hohe Zuckeranteil),
  • mangelnde Bewegung,
  • Suchtmittel: u.a. Nikotin, Alkohol, Drogen.

Deren negativen Folgen werden von den unfinanzierbaren Forderungen der Geschädigten an das Gesundheits- und Pflegesystem begleitet. Bisher wurden viele Menschen noch nie so alt, wie sie es heute werden. Laut statistischem Bundesamt hatten in Deutschland (2026)

  • vor dem 60. Lebensjahr nur ca. 1 – 2 % der Bevölkerung einen Pflegegrad,
  • vom 85 – 89. Lebensjahr waren es 22 – 25 %,
  • vom 90. Lebensjahr 82 – 87 % (davon Frauen 87 %, Männer 70 %).

2026 besaßen hier 6 Millionen Menschen einen Pflegegrad (davon 70 % den Grad 2 und 3;  86 % der Betroffenen befanden sich in einem häuslichen Umfeld; ca. 800.000 in vollsta-tionären Pflegeheimen).

Heute werden für die alten Menschen gerne nachberufliche Tätigkeiten geschaffen. Dies können u.a. sein:

  • eine Interessen- und Hobbypflege,
  • soziale Kontakte,
  • Reisen,
  • kulturelle Angebote,
  • politisches Engagement (u.a. Ehrenämter).

Es öffnen sich für sie Möglichkeiten für besondere Aktivitäten, z.B.

  • als Hilfen in seinem sozialen Umfeld (z.B. im technischen Bereich),
  • im Umweltschutz,
  • als Hilfe für Behinderte,
  • in der Traditionspflege,
  • in verschiedenen Arbeitsgruppen (z.B. Computer AG),
  • kulturelle Interessen,
  • Bewegungsinteressen (Sport, Wanderungen),
  • zu kurz gekommenen Begabungen nachgehen.

Eine besondere Bedeutung in dieser Lebensphase bekommen ehrenamtliche Tätigkeiten als nachberufliche Aktivitäten. Sie können in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen erfolgen und bedeuten in der Regel ein gemeinsames Lösen von Problemen, sei es als Hilfen oder als Übernahme von Tätigkeiten außerhalb des Erwerbbereichs. Beobachtet kann dies besonders bei Frauen im gesundheitlichen und sozialen Bereich werden, wenn die Kinder das Haus verlassen haben oder bei Männern in Vereinen und öffentlichen Ehrenämtern. In den letzten Jahrzehnten hat sich innerhalb der Ehrenämter ein Strukturwandel vollzogen, während er früher relativ selbstlos als Dienst angeboten wurde, wird er heute vermehrt als „selbstbe-zogener“ Teil einer Selbstreflexion im Sinne einer neuen Lebensorientierung gesehen. Ehrenamtliche Tätigkeiten werden u.a. angeboten als

  • Alltagshilfen,
  • für gemeinsame Unternehmungen (z.B. Einkaufshilfen),
  • handwerkliche Hilfen,
  • sportliche Betätigungen (z.B. in Schwimmbädern),
  • Natur- und Umweltschutz,
  • Einsatz für altenpolitische Zwecke.

Das Leben wird gerne mit den vier Jahreszeiten verglichen, und der Anblick von Ruinen mit der Vergänglichkeit, dem Verfall allen Daseins. Das Altern ist darin der Herbst. Fast ein Viertel, zunehmend ein Drittel seines Lebens verbringt man als alter Mensch in ihm. Es ist die Zeit, in der das jeweilige Dasein von einem zunehmenden körperlichen, psychischen und geistigen Verfall gekennzeichnet ist. Parallel steht dem gegenüber der Versuch, seine bisherigen Kompetenzen, sozialen Beziehungen und seinen Besitz zu behalten. Entscheidend dafür ist die Möglichkeit sich bis zu seinem Lebensende eigene Ziele setzen zu können und aktiv zu bleiben. Das Altern ist von körperlichen und geistigen Verlustprozessen gekennzeichnet. Man braucht zunehmend Hilfen, kann zunehmend schlechter sehen und hören. Das Leben wird ausgefüllt mit dem Warten auf Angehörige, zunächst in seinem kleinen Zimmer und dann nur noch in seinem Bett.

Man kann bei den Alten drei Gruppen unterscheiden: Die

  • relativ Selbständigen: z.B. Männer im Haushaltsbereich, die im Alter nach dem Tod ihrer Ehefrauen oft in Wohnheime ziehen,
  • Hilfsbedürftigen: Sie können viele Tätigkeiten nur mit großen Schwierigkeiten ausführen,
  • Pflegebedürftige: Sie können die meisten notwendigen Aktivitäten in ihrem Leben nicht mehr allein ausführen (z.B. sich in ihrer Wohnung bewegen, allein Nahrung zu sich nehmen, eine Toilette benutzen).

Das Altern ist weitgehend ein biochemischer Prozess dem wir gnadenlos als biologische Existenzen ausgesetzt sind. Allgemein unterscheidet man das chronologische Alter nach Lebensjahren und das biologische Alter nach dem Gesundheitszustand, d.h. nach der jeweiligen körperlichen und geistigen Befindlichkeit. Mit dem Älterwerden sinkt unsere Fähigkeit innerkörperliche organische Schäden aufzufangen, unsere Organe verlieren ihre Funktionalität. Wo das maximale Alter für einen menschlichen Organismus sich befindet, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Vermutet werden 120 Jahre. Im Laufe ihrer Zeit verlieren unsere Zellen ihre Widerstandskräfte. Sie können sich maximal etwa 50mal teilen („Hayflick-Grenze“). Bei jeder Teilung verkürzen sich die Telomere (Chromosomenenden) bis sie aufgebraucht sind. Außerdem gibt es weitere Alterungsmerkmale. Seit 2013 (und 2023) führt ein Katalog einer Forschergruppe um Carlos López-Otin zwölf Kriterien auf („Hallmarks of Aging“). Sie sind zwar ungesichert, aber wahrscheinlich zutreffend:                           

  1. Genomische Instabilität: Im Laufe der Zeit häufen sich DNA-Schäden in den Zellen an, die ihre Funktionen beeinträchtigen.
  2. Telomer-Abnutzung: Mit zunehmenden Altern verkürzen sich die Telomere. Dadurch werden die Teilungs- und Erneuerungsfähigkeit der Zellen beeinträchtigt.
  3. Epigenetische Veränderungen: Umwelteinflüsse auf die Genaktivität.
  4. Verlust der Proteostase: Proteinsynthese, Proteinfaltung. Eine Anhäufung von geschädigten und nicht funktionsfähigen Proteinen. Unser Körper hat über100.000 verschiedene Proteine.
  5. Gestörten Autophagie: Ein Rückgang des Abbaus defekter, kranker Zellbestandteile.
  6. Deregulierte Nährstoffsensitivität: Die Steuerungsmechanismen von Insulin und mTor (molekulare Schaltzentrale, Wachstumsregulator) sind aus ihrem Gleichgewicht geraten.
  7. Mitochondriale Fehlfunktion: Die Mitochondrien verlieren an Kraft und setzen reaktiven Sauerstoff frei.
  8. Zellulare Seneszenz: Die Zellen teilen sich nicht mehr.
  9. Erschöpfung der Stammzellen: Sie verlieren die Kraft Gewebe zu erneuern.
  10. Änderungen in der interzellularen Kommunikation: Die Zellsignale werden fehlerhaft.
  11. Chronische Entzündungen, die im Körper dauerhaft unterschwellig entstehen.
  12. Mikrobiomstörung: Die Darmflora ist aus ihren Gleichgewichten geraten.

(Diese Kriterien stellen keine wissenschaftliche Endgültigkeit dar. Sie sind nur Orientierungs-hilfen. Bei Tiermodellen zeigen sie zwar allgemein Alterungsmechanismen. Es ist aber nicht gesichert, inwieweit sie auf den Menschen bezogen, übertragbar sind).

Es gibt unzählige Theorien über das Altern (über 300). Es ist ein körperlicher Verfallsprozess, der nicht nur unser Herz-Kreislauf-System und unser Gehirn betrifft, sondern bereits in unseren Zellen und sogar unseren Molekülen seinen Anfang nimmt. Das Altern ist keine Krankheit, sondern ein biochemischer und mikrobiologischer Prozess, dessen Abläufe noch weitgehend unbekannt sind. Bereits mit ca. 25 Jahren hat unser Körper seinen optimalen Zustand erreicht. Innerhalb von sieben Jahren werden 90 % seiner Zellen komplett ersetzt. Bedeutend für unsere Zellgesundheit ist die Tätigkeit unserer Mitochondrien (Zellorganellen, „Kraftwerke der Zellen“). Sie produzieren unter Sauerstoffverbrauch unsere körperliche Energie. Dabei entstehen Freie Radikale, die den schleichenden Selbstzerstörungsprozess der Zellen fördern. Es besteht der Verdacht, dass diese für viele unserer Krankheiten verantwortlich sind. Unser Körper hat etwa 100 Billionen Zellen, jede Zelle über 1000 Mitochondrien. Die Gesundheit der Zellen ist die Voraussetzung für ein gesundes Leben. Jede Sekunde bildet unser Körper 50 Millionen neu. Für die Minderwertigen gibt es zwei Entsorgungssysteme, deren Funktionsweise noch relativ unbekannt ist, die auf den Proteasomen (Proteinkomplexe, die beschädigte oder nicht mehr benötigte Proteine abbauen) und der Autophagie bauen. Die Proteasomen zerlegen die Zellsubstanzen in ihre Bestandteile und durch die Autophagie werden diese dann durch die Zellwand ausgeschieden und mit Hilfe der Lymphe abtransportiert.

Verlieren die Zellen ihr inneres Gleichgewicht, produzieren sie anormale Proteine, werden sie krebskrank. Das Alter wird heute oft als eine Vermüllung unserer Zellen verstanden, des verminderten Proteinabbaus. Die Müllentsorgung (Autophagie) im Körper kann unterstützt werden durch

  • eine geringere Nahrungsaufnahme (Kalorienreduktion),
  • viel Bewegung,
  • mehrere Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel (umstritten; die Beobachtungen dazu stammen weitgehend aus Tierversuchen; der menschliche Darm reagiert auf viele Molekülgrößen evtl. anders).

Im Alter verlieren alle Gewebe ihre Regenerationsfähigkeit:

  • Die Stammzellen verlieren ihre regenerativen Eigenschaften.
  • Die alten Zellen besitzen keine Reparaturwege mehr.
  • Der Abbau der Schadstoffe verliert an Effektivität.

Die bisherigen Zellkompetenzen Erneuerung, Erzeugung und Entgiftung nehmen ab dem 30. Lebensjahr ab.   

Ab dem 50. Lebensjahr verlieren wir jährlich 1 – 2 % unserer Muskelmasse und Kraft. 

Im Alter von 60 – 70 Jahren sinken die Leistungen von Herz, Lunge und Niere auf etwa 30 – 40 %.

Ab dem 70. Lebensjahr beschleunigen sich alle Abbauprozesse.

Neben der Zellforschung gibt es noch drei weitere Schwerpunkte in der Altersforschung: die Epigenetik, die Mikrovesikelforschung und das Mikrobiom.

  • Epigenetik:
    • Der Mensch hat in jeder seiner Zellen 20.000 – 25.000 Gene. Die Epigenetik steuert sie, indem sie an die DNA Methylgruppen anhängt und die nichtbehafteten Genteile weiter ihre Proteine produzieren lässt. Über die Methylierung der Gene bestimmt sie die Existenzbedingungen eines jeden Individuums (ihre Muster werden sogar vererbt, d.h. u.a. die vorangegangenen Umwelteinflüsse, wie z.B. Kriegserlebnisse). Im Verlauf ihres Alterungsprozesses nimmt ihr Einfluss ab und damit die ungesteuerte Proteinproduktion der Zellen zu. Die Mutationsraten in ihnen steigen und damit das Erkrankungsrisiko. Über die Methylierung des Erbgutes eines Menschen lässt sich relativ gut sein biologisches Alter bestimmen (Horvath-Altersuhr). Die heutige Forschung ist dabei, nach Wegen zu suchen, die auch im Alter die Methylisierung der DNA in den Zellen fördert. Ein Forschungsansatz ist die Folsäure (Vitamin B 9, das der Körper besonders für die Zellteilung und Blutbildung benötigt).

  • Mikrovesikel:
    • Das sind kleine Bläschen auf der Zelloberfläche, die deren Proteine und genetisches Material transportieren und darüber die Kommunikation der Zellen und Gewebe bestimmen. Sie sind wertvolle Krankheitsmarker für verschiedene Krankheiten. Einerseits können sie bei deren Bekämpfung helfen, andererseits sind sie aber auch oft an deren Verbreitung beteiligt. In der Forschung versucht man ihre positiven Seiten zu nutzen, u.a. als Transporthilfen für Medikamente.

  • Mikrobiom:
    • Das sind die Bakterien und Pilze (ca. 39 Billionen), die auf und in unserem Körper leben. Wir existieren mit ihnen in einer Symbiose. Sie sichern unser Immunsystem, fördern unsere Nahrungsaufnahme, produzieren lebenswichtige Vitamine (B1, B2, B6, B12 und K). Die meisten von ihnen kennen wir gar nicht. Fast alle unsere Zivilisationskrankheiten stehen in irgend einer Verbindung zu ihnen im Magen-Darm-Trakt. Ihre Zusammensetzung ist bei jedem Menschen eine andere und ändert sich auch ständig. Sie ist abhängig von seinen Genen, seiner Umwelt, Ernährung und seinem Lebensstil. Man geht heute davon aus, dass die Vielfalt ihrer Zusammensetzung im Alter abnimmt und die Zahl der negativen Bakterien zunimmt. Eine positive Wirkung auf die Darmbakterien sollen Butyrate (Buttersäure) haben, die die Bakterien aus ballastreichen Nahrungsmitteln (Gemüse) im Darm selber bilden und darüber dessen Schleimhaut und Darmwand vor Entzündungen schützen.

Im Alter entstehen zunehmend chronische Krankheiten. Bei 100jährigen hat man in der Regel mindestens 10 nebeneinander bestehende Krankheiten festgestellt. Nicht alle von ihnen müssen zu größeren Beschwerden führen. Bei 70jährigen sind dies laut „Berliner Altersstudie“ u.a.

  • Krampfadern 70 %,
  • Gehirnerkrankungen 65 %,
  • Herzinsuffizienz 57 %,
  • Arthrose 55 %,
  • Rückenleiden 46 %.

 98 % der 70jährigen haben mindestens eine Erkrankung. 71 % von ihnen leiden subjektiv darunter (am meisten unter Bewegungserkrankungen). Da innerpsychische Prozesse dabei eine Rolle spielen, kann das im Alter von der objektiven Befindlichkeit abweichen. Die wichtigste Voraussetzung für ein möglichst gesundes Altern ist ein gesunder Lebensstil.

Die häufigsten Alterserkrankungen in unserer Gesellschaft sind: Fettstoffstörungen, Gefäßerkrankungen, Herzinsuffizienz, Arthrose, Rückenleiden, Bluthochdruck. Sie können zu einer verminderten Mobilität und Selbständigkeit führen, z.B. bei der Hygiene, Ankleidung, Nahrungsaufnahme und Toilettengang.

Die dominierenden Grunderkrankungen sind die

  • Arteriosklerose (Arterienverkalkung):
    • Sie kann zu Schäden am Herzen, den Gliedmaßen und des Gehirns führen. Sie ist eine Folge von verschiedenen Ablagerungen an den Gefäßwänden, verbunden mit deren zunehmenden Verengung bis hin zur völligen Schließung. Die Enderkrankungen können dann sein: ein Herzinfarkt, Schlaganfall, ein Verschluss der Arterien in den Extremitäten und eine Erweiterung der Bauchaorta (Aneurysma). Indem ihre Risikofaktoren vermieden werden können, kann man eine Erkrankung relativ gut vorbeugen. Genetische Faktoren spielen bei ihr nur eine untergeordnete Rolle. Die Ursache dafür ist eine Ablagerung von Fetten, Cholesterin und Zucker in den Adern. Die Folge ist ein erhöhter Blutdruck, das Herz muss mehr arbeiten. Zunächst entstehen ein Sauerstoff- und ein Energiemangel der Gewebe. Eine bedeutende Rolle spielen dabei Cholesterine (Moleküle aus Fetten und Proteinen). Sie sind unentbehrlich für die Hormonbildung im Körper und die Geschmeidigkeit der Zellwände. Es setzt sich aus LDL- und HDL-Cholesterin zusammen und soll je 100 ml Blut den Wert von 200 – 280 mg nicht übersteigen. Entscheidend ist deren Verhältnis zu einander. Das HDL hat eine schützende Funktion und soll bei Männern 35 – 55 mg je 100 ml Blut betragen, bei Frauen 45 – 65 mg.

  • Osteoporose (Knochenschwund):
    • Durch den Verlust an Knochenmasse durch eine Entmineralisierung verändern sich die Knochenstruktur und damit deren Funktionen. Betroffen davon sind hauptsächlich Frauen nach den Wechseljahren durch deren Hormonveränderungen und Frauen jenseits des 60. Lebensjahrs (in Deutschland 4 – 6 Mio., d.h. 20 – 30 %). Eine Folge davon sind häufige Knochenbrüche, eine Deformierung der Wirbelsäule (besonders im Brustbereich, eine Folge davon ist der „Altersbuckel“), die zu einer Schonhaltung führt und die Probleme vergrößert. Die Ursache für diese Vorgänge sind noch nicht völlig geklärt. Gegenmaßnahmen sind Kalzium- und Vitamin D-Gaben, evtl. Schmerztherapien, elektrische Ströme und gymnastische Übungen.

  • Arthrose (degenerative Gelenkerkrankung):
    • Sie ist eine Verschleißerkrankung der Gelenke, die zu heftigen Schmerzen, eingeschränkter Beweglichkeit und Gelenkdeformierungen führen kann. Bei Frauen tritt sie häufiger auf als bei Männern. Ihre Anfänge beginnen bereits in jüngeren Jahren bei Belastungen. Ihre Ursachen sind Fehlhaltungen, Gelenküberbeanspruchungen, Übergewicht und eine Bewegungsarmut. Gegenmaßnahmen können u.a. sein: Bestrahlungen, Wärme-Kälte-Bäder, Gymnastik und schmerzlindernde Medikamente. Die letzte Hilfe stellen Operationen dar.
  • Tumorerkrankungen (Krebs):
    • Sie entstehen in Geweben, deren Zellen sich noch im Alter teilen. Da dann immer mehr Zellen entarten und die Leistungen des Immunsystems abnehmen, ist die Erkrankungsgefahr jetzt größer als in jungen Jahren.

Weitere Funktionsstörungen können u.a. sein: Inkontinenz, chronische Schmerzen, Schlaf-störungen, Verdauungsstörungen, Schwindel, Stürze und Hirnstörungen.

  • Inkontinenz: (Unfähigkeit Urin oder Stuhl kontrolliert zu halten):
    • Eine Folge davon ist ein Rückzug der Betroffenen und deren Vereinsamung. Ihre Zahl unter den Älteren ist enorm. Weil das Thema unbeliebt ist, wird über die Problematik öffentlich kaum gesprochen und die Kommunen meiden es aus finanziellen Gründen. So kann es sein, dass eine Stadt wie Herford mit 70.000 Einwohnern keine einzige öffentliche Toilette besitzt (eine in der Markthalle ist nur stundenweise geöffnet). Dabei gelten 1/3 der älteren Frauen und die älteren Männer mit Prostataleiden allgemein als inkontinent.

  • Chronische Schmerzen:
    • Sie sind oft die Nebenergebnisse anderer Erkrankungen. In der Regel wird darauf mit Medikamenten reagiert, die im Laufe der Zeit wirkungslos werden, bzw. deren Nebenwirkungen zu anderen Leiden führen. Gegen chronische Schmerzen versucht man inzwischen öfter mit Kälte-Wärme-Behandlungen, Fangopackungen, Ultraschall oder physiotherapeutisch entgegenzuwirken.

  • Schlafstörungen:
    • Die Ursache bei älteren Menschen dafür können u.a. störende Geräusche, Herzschwäche, häufiges nächtliches Aufstehen sein. Bei einfachen Störungen können die klassischen Hausmittel helfen (z.B. Baldrian) bei schweren ein geregelter Tagesablauf und stärkere Schlafmittel.

  • Verdauungsstörungen sind häufige Alterserkrankungen (Verstopfungen oder Durchfall):
    • 30 % der über 65-jährigen nutzen Abführmittel. Es kann dafür viele Ursachen geben. Ist eine gefunden, kann in der Regel gezielt geholfen werden (zumeist über eine Umstellung der Ernährung und eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr).

  • Schwindel:
    • Er ist bei den über 75-jährigen das häufigste Erkrankungssymptom und macht sich bei ihnen durch eine Gangunsicherheit oder einem nicht definierbaren Kopfschmerz bemerkbar. Eine Folge davon können Stürze sein. Hier ist es schwer, die Ursachen dafür zu finden.

  • Stürze:
    • Sie sind bei älteren Menschen ein häufiges Problem. Sie führen oft zu Knochenbrüchen und vielerlei Schäden mit nachfolgenden Funktionsverlusten und deren psychischen Auswirkungen. Die Ursachen dafür sind eine nachlassende Aufmerksamkeit, nachlassendes Reaktionsvermögen, Gleichgewichtsvermögen und Seh- und Hörstörungen.
  • Hirnschäden:
    • Die Bedrohung durch sie haben eigentlich alle älteren Menschen. Es ist die Angst im Alter dement zu werden. Man versteht darunter etwa 50 verschiedene Krankheiten, die mit einem Nervenverlust in eine Verbindung gebracht werden (in Deutschland sollen zurzeit ca. 1,7 Mio. Menschen betroffen sein). Die Alzheimer-Erkrankung ist eine davon. Bei ihr verklumpen Beta-Amploid-Plaques außerhalb und innerhalb der Zellen. Verantwortlich für diese Erkrankung scheinen Tau-Proteine zu sein.

  • Demenz:
    • Ihr Kennzeichen ist das Vergessen. Dies beginnt mit einfachen Störungen (z.B. falsche Gerätehandhabung) gefolgt von Situationsverkennungen bis hin zu Persönlichkeitsänderungen. Der schlimmste Verlust ist dann das eigene Selbst, die Auflösung der eigenen Identität. Auch die Wortfindung geht allmählich verloren und endet mit bedeutungslosen Wiederholungen und sinnlosen Silbenbildungen. Die Betreuung der Betroffenen kann oft extreme Anforderungen verlangen.

      Unter den  65 – 69jährigen sind 2 – 3 % der Menschen betroffen,
      bei den über 80jährigen etwa  20 %,
      bei den über 90jährigen etwa 33 % (jeder Dritte).

      Die Betroffenen werden weitgehend von ihren Angehörigen gepflegt (2/3 von ihren Ehepartnern). Über 50 % der Pflegeheimplätze sind in Deutschland von Demenz-kranken belegt (3/4 der über 80jährigen sind altersbedingt Frauen). Ihre bekanntesten Formen sind:

    • Alzheimer (etwa 50 %): Nur ca. 5 % hat genetische Hintergründe, die anderen sind toxische Auslöser (nervenschädigende Stoffe u.a. wie Aluminium, Blei, Nikotin), Infektionen (u.a. Viren mit einer langen Inkubationszeit), autoimmunologische Ursachen, Hirnverletzungen (u.a. Boxsport).

      Vaskuläre Demenz (MID = Multiple Infarkt-Demenz, ca. 25 %): Sie entsteht sekundär durch Durchblutungsstörungen der Nervengewebe.

      Sonderformen infolge verschiedener Krankheiten (Hirnhautblutungen, Tumore, Vergiftungen, Stoffwechselkrankheiten).

      Laut WHO ließe sich fast jeder zweite Fall verhindern. In einem Richtlinienpapier haben sie gegen den geistigen Abbau 19 Strategien zusammengestellt. Ein Problem ist, das zwischen einem möglichen Behandlungsbeginn und dem Beginn der Krankheit oft Jahrzehnte liegen.

      Als gesichert gelten zwei Maßnahmen:
      • Man soll körperlich aktiv sein (körperliche Bewegungen suchen; Inaktivität soll für 2 % der Demenzfälle verantwortlich sein; Aktivität stärkt das Herz-Kreislauf-System und das Immunsystem, gestärkte Muskel fördern das Nervenwachstum und schützen das Gehirn),
      • nicht rauchen (Rauchen ist für 2 % der Demenzfälle verantwortlich; das mittlere und höhere Lebensalter sind besonders bedroht),

        Empfohlen werden 10 weitere Maßnahmen:

      • geistig aktiv sein (eine geistige Aktivität verzögert einen geistigen Abbau),
      • auf eine gesunde Ernährung achten (kann eine Diabetes, Bluthochdruck,
      • Übergewicht und Herz-Kreislauferkrankungen verhindern, schützt vor Entzündungsprozessen im Körper; fördert die Neubildung von Nervenzellen),
      • die Cholesterinwerte gut einstellen (erhöhte Werte fördern die Ablagerungen in den Blutgefäßen; eine gute Einstellung kann 7 % der Demenzfälle verhindern),
      • einen Bluthochdruck senken (verursacht 2 % der Demenzfälle; Vorsorge sollte bereits in der Mitte des Lebens erfolgen),
      • Übergewicht abbauen (besonders ungünstiges Fett im Bauchbereich produziert entzündungsfördernde Hormone; belastet den Hirnstoffwechsel; fördert die Alzheimervorstufen),
      • eine Diabetes behandeln (ein zu hoher Blutzuckerspiegel schadet den Nervenzellen, verändert den Stoffwechsel und greift die Blutgefäße an),
      • schmutzige Luft meiden (Feinstaub schädigt das Gehirn, da er die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann; soll für 3 % der Demenzen verantwortlich sein),
      • Hörgeräte nutzen (ein schlechtes Hören fördert den geistigen Abbau und ist deshalb für 7 % der Demenzfälle mitverantwortlich),
      • einen Alkoholkonsum senken (Alkohol schadet dem Gehirn extrem; selbst geringe Mengen belasten es),
      • sich sozial engagieren (Einsamkeit soll für ca. 5 % der Demenzkrankheiten verantwortlich sein; zögert sie um bis zu fünf Jahren hinaus; schützt vor einem kognitiven Abbau).

Sechs Maßnahmen schützen das Gehirn wahrscheinlich darüber hinaus. Es gibt dafür aber keine Studien:

  • eine erfolgreiche Depressionsbehandlung,
  • der Schutz vor Schädelverletzungen, Schlaganfällen, HIV-Infektionen und Schlafstörungen,
  • das Tragen einer Brille.

Von einer Hormonbehandlung in den Wechseljahren als Demenzschutz wird abgeraten (besonders bei Frauen über 65 Jahre).

Besonders oft treten im Alter Depressionen auf (bei den über 65-jährigen ca. 8 %). Oft nach großen Verlusten und nicht bewältigter Trauerarbeit. In solchen Fällen ist besonders bei älteren Männern die Selbsttötungsgefahr besonders groß (3mal größer als bei Frauen). Oft sind ihnen depressive Phasen im jüngeren Alter vorausgegangen. Sie können in ihren Ausdrucksphasen rückwirkend, neurotisch und angstbezogen ausgerichtet sein. Ihre Ursache sind biochemische Störungen in den Gleichgewichten der verschiedenen Neurotransmitter im Gehirn (besonders von Noradrenalin und Serotonin). Man unterscheidet drei Formen:

  • endogene Formen als eine Folge eigener biologischer Abläufe im Körper (oft mit Medikamenten gut behandelbar),
  • neurotische Formen, oft das Ergebnis lange dauernder depressiver Erlebnisse,
  • reaktive Formen als Reaktionen auf belastende Lebensereignisse.

Folgen von Depressionen können sich wie ein Schleier über eine Psyche legen. Die Betroffenen leiden unter einer Antriebsschwäche. Ältere haben oft Schuldgefühle. Im Gegensatz zu anderen Krankheitsformen des Vergessens, die an ihrem Ende eine innere Rückzugsmöglichkeit haben, bleiben die depressiven Kranken in ihren emotionalen und geistigen Verlusten bei erhaltenem Bewusstsein in ihrer düsteren Welt eingeschlossen. Die Folgen davon können Schlafstörungen, verloren gegangene Entschlusskraft, innere Unruhen, Stimmungsschwankungen im Tagesverlauf sein. Symptome einer Depression können u.a. sein:

  • Psychisch: Ängste, innere Leere, Schuldgefühle, Gereiztheit, traurige Verstimmtheit.
  • Körperlich: Kraftlosigkeit, Antriebsmangel, Müdigkeit, Schlafstörungen, Atembeschwerden, Schwindel, Verstopfungen.
  • Mögliche Hilfen: Nähe zu früheren Lebensabschnitten (Erinnerungspflege).

Trotz der vielen negativen Begleiterscheinungen, besonders im späten Alter, ist dieses keine Krankheit, sondern nur der Ausdruck der menschlichen, biologischen Existenz.  Unsere bisherigen kulturellen Setzungen haben uns nur den Blick dafür verbaut. Der menschliche Körper ist von seiner Anlage her ein biochemisches Werk. Er verwandelt die ihm zugeführten Stoffe in Energie, entwickelt Gewebe und eigene chemische Botenstoffe und scheidet danach seine Abfallprodukte aus. 60 % seiner Körpermaße besteht aus Wasser. Seine Grundbausteine (DNA und Zellen) setzen sich aus Kohlen-, Wasser-, Stick- und Sauerstoff, Phosphor und Schwefel zusammen. Hinzu kommen noch Spuren von Einsen, Zink und Calcium, die seine Stoffwechselprozesse aufrecht erhalten. Wie ein Kraftwerk benötigt er ständig Energie, die er in einem Verbrennungsvorgang von Zucker und Sauerstoff erhält. Chemisch laufen in seinem Körper ständig unzählige komplexe Prozesse ab. Seine Hormone und Enzyme steuern als biochemische Katalysatoren seine Lebensprozesse. Mit zunehmenden Alter lässt ihre Tätigkeit nach und alle lebens- und gesundheitserhaltenden Maßnahmen zielen darauf, deren Funk-tionen aufrecht zu erhalten.

Besonders unser Gehirn ist vom Altern betroffen. Es besteht aus 86 Milliarden Zellen. Es ist eine biologische Existenz. Während des Alterns verändert es sich ständig und verliert an Volumen. Dabei durchläuft es fünf Phasen:

  • Die Kindheit (von der Geburt bis zum 9. Lebendjahr): Das Gehirn reduziert die Fülle seiner Synapsen auf das Notwendige. Die Zahl seiner Verknüpfungen nimmt zu. Das Volumen der grauen und weißen Substanz wächst.
  • Im Jugendalter des Gehirns (9. bis 32. Lebensjahr) wächst die weiße Substanz, verfeinern sich die Nervenverbindungen und die Denkfähigkeit nimmt zu.
  • Im Erwachsenenalter (32. Bis 65 Lebensjahr) erreicht es seine Reife und bereitet sich auf den Verlust seiner Nervenzellverbindungen vor.
  • Vom 65 bis 83 Lebensjahr erfolgt wegen der zunehmenden Verluste eine Umorganisation der Nervenzellverbindungen.
  • Im „gehobenen Alter“ (ab 83 Jahre) beschränkt sich die Aktivität des Gehirns zunehmend auf einzelne Regionen, die globalen Verknüpfungen erfolgen immer weniger.

Nach dem 35. Lebensjahr nimmt das Gehirnvolumen jährlich um 0,2 % ab, vom 60. Lebensjahr um 0,5 %. Die Ursache dafür sind die kleiner werdenden Neuronen. Auch die Gehirnrinde wird dünner und die Hohlräume in Gehirn dehnen sich aus. Verantwortlich dafür sind u.a.:

  • Die abnehmende Aktivität der Mitochondrien (geringere Energieversorgung),
  • die Schädigung der Zellen durch Proteinanhäufungen,
  • das Zerfallen der Isolierschichten (Myelinscheiden) der Zellmembranen,
  • das Verlorengehen von Synapsen,
  • Störungen in der Blut-Hirn-Schranke (ins Gehirn gelangen Schadstoffe),
  • die Überaktivität von Immunzellen.

Um eine Gehirnalterung zu bremsen, werden die üblichen Hilfsmittel empfohlen, u.a.:

  • Bewegung: Sie aktiviert die Muskelbotenstoffe (Myokine), die die Plastizität des Gehirns erhöhen und seine kognitiven Funktionen verbessern.
  • Kalorienreduktion: Sie verlangsamt die Gehirnalterung,
  • Aktivierung des Immunsystems (SASP),
  • Umprogrammierung von Stammzellen,
  • Übertragung von Blutplasma von Jungtieren,
  • Eingriffe in den Zellstoffwechsel (u.a. Metformin).

Unser Altern erfolgt hauptsächlich über Zellschäden, die im Alter zunehmen und sich etwa vom 50. Lebensjahr verstärkt bemerkbar machen. Der Körper kann sie nicht mehr reparieren, wie in jungen Jahren, die Muskeln bauen verstärkt ab und sein Widerstand gegenüber vielen Infek-tionen sinkt. Zurzeit gibt es viele Bemühungen, die den einzelnen Menschen ein langes, gesundes Leben zu sichern versuchen (Langlebigkeitsbewegung, Longevity). Die damit verbundene Forschungsbemühungen konzentrieren sich darauf, nicht nur das Leben zu verlängern, sondern es auch möglichst gesund sein zu lassen. Sie gehen dabei von sechs Ansätzen aus:

  • Körperlicher Aktivität (Bewegung, Kraft- und Ausdauertraining): Sie fördert besonders das Herz-Kreislauf-System.
  • Gesunde Ernährung: Besonders pflanzenbasiert mit ausreichend Proteinen und gesunden Fetten. Diese bekämpfen chronische Erkrankungen.
  • Ausreichend Schlaf (7 – 8 Std.): Er ist die Grundlage für unsere Zellreparatur, unseren Hormonhaushalt und die Entgiftungsprozesse im Gehirn.
  • Stressreduktion: Sie senkt den Cortisolspiegel, hemmt Entzündungen und schützt das Immunsystem.
  • Geistige Herausforderungen und soziale Kontakte.
  • Meiden von Schadstoffen: Besonders Nikotin und Alkohol.

Eine ähnliche Empfehlung gibt es von der Havard University, nach der sollen Frauen, die nach ihrem 50. Lebensjahr dieser Empfehlung folgen, 14 Jahre länger legen, Männer 12 Jahre und wer nur eins dieser Kriterien befolgt 2 Jahre.

Diese Kriterien genauer betrachtet, ergibt sich:

  • Bewegung:
    • In allen Kulturen wird die Bewegung als eine entscheidende Voraussetzung für eine Gesundheit genannt. Das ist zwar richtig, aber sie ist nur der Motor für unsere Muskulatur, über deren Komplexität wissen wir kaum etwas, eigentlich nur etwas über unser Herz und dessen entscheidende Bedeutung für unsere Existenz. Aber der Mensch besitzt etwa 650 Muskel in seinem Körper, die zusammen in ihm ein komplexes Organsystem bilden. Sie bestehen aus einem eigenen Gewebe und umgeben unter anderem unser Skelett. Durch sie können wir uns fortbewegen. Viele unserer Körperfunktionen basieren auf ihrer Tätigkeit. Dabei schütten sie Myokine aus, einen hormonähnlichen Botenstoff. Es soll etwa 600 verschiedene von ihnen geben, über deren Zusammenwirken weiß man kaum etwas. Bekannt sind u.a.:
      • Interleukin, das u.a. beim Ausdauersport freigesetzt wird und einer mitochondrialen Dysfunktion entgegenwirkt, die die Fettoxidation fördert und allgemein den Stoffwechsel unterstützt.
      • Irisin, das beim Krafttraining freigesetzt wird und wahrscheinlich eins der wichtigsten Kommunikationsmittel in unserem Körper ist. Man kennt seine Rolle noch nicht.
      • Clusterin, das das Herz-Kreislauf-System schützt und auf das Nervensystem antientzündlich wirkt.
      • Musclin, das die Muskelaktivität anregt und die körperliche Ausdauerleistung steigert.
      • Die Myokine bestimmen weitgehend die Kommunikation zwischen den Organen und sind Schlüsselsubstanzen gegen Entzündungen. Eine künstliche Zugabe kann deren Wechselwirkung schwer stören. Beim Altern spielen sie indirekt eine große Rolle, weil Schmerzen und Gelenkkrankheiten oft zu Bewegungsbeschränkungen führen, damit zu einem Muskelschwund (Sarkopenie) und zu einer Reihe von Folgekrankheiten. Wer dem entgegenwirken will, hat nur die Möglichkeit: Bewegung, Bewegung auf möglichst vielen Ebenen. Selbst kleine Versuche sollen bereits positive Effekte haben. Die WHO rät zu mindestens 150 – 300 Minuten in der Woche im aeroben Bereich (bei mittlerer Intensität) und 2 Tage muskelkräftigende Tätigkeiten. Mehr Aktivität erhöht den gesundheitlichen Nutzen („jeder Schritt zählt“). Entscheidend ist die Energie (der Sauerstoff), die durch die körperliche Aktivität umgesetzt wird.
  • Ernährung:
    • Die menschliche Ernährung baut auf vier Ernährungsebenen:
      • Makronährstoffe mit den drei Hauptgruppen Eiweiße, Fette, Kohlenhydrate,
      • Anorganische Mikronährstoffe (Mineralstoffe): Der Körper kann sie nicht selbst herstellen. Sie liefern keine Energie, sind aber für viele Körperfunktionen unentbehrlich, u.a. Magnesium, Calcium, Kalium,
      • Organische Mikronährstoffe: a. Vitamine,
      • Nahrungsergänzungsmittel: Die Wirksamkeit ihrer Moleküle ist oft nicht gesichert. Ein Körper nimmt sie wegen ihrer großen molekularen Masse als Makromoleküle nur ungern auf.
    • Eiweiße (Proteine): Sie sind die wichtigsten Bausteine des Körpers und machen etwa 15 – 17 % seines Gewichts aus. Sie entstehen aus langen Ketten verschiedener Aminosäuren und sind bedeutsam für den Muskelaufbau, die Immunabwehr, den Transport von Sauerstoff und Nährstoffen und für die Bildung seiner Enzyme und Hormone. Der tägliche Bedarf für ältere Menschen beträgt 1 – 1,5 Gramm je Kilogramm Körpergewicht.
    • Fette: Sie sind Verbindungen aus Glycerin und Fettsäuren und dienen dem Körper als Energiereserve, schützen ihn vor Kälte und bilden die Hülle der Zellen.
    • Kohlenhydrate: Sie entstehen aus großen Ketten von Einfachzucker und sind einerseits der Energielieferant für unseren Körper, aber andererseits auch ein schleichendes Gift. Sie fördern Entzündungen, Autoimmunkrankheiten, belasten die Organe (besonders Leber, Niere), schädigen die Nervenzellen und darüber das Gehirn, fördern Adipositas und Diabetes Typ 2, Herzkreislauferkrankungen, Depressionen und stören die Darmflora.

      Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt deshalb täglich nur einen maximalen Konsum von 50 Gramm Zucker, weniger als 10 % der täglichen Energiezufuhr. In unserer Realität verbrauchen wir allerdings in Deutschland etwa die vierfache Menge. Wenig beachtet wird dabei der versteckte Zucker in unseren Nahrungsmitteln (etwa zwei Drittel unseres Konsums). Er ist darin unter den verschiedensten Namen enthalten. Als bedenklichste Zuckerart wird Glukose angesehen. Einerseits ist sie zwar unser wichtigster Energielieferant, andererseits baut die Leber hier den Zucker teilweise in Fett um. Man soll Früchte wegen ihrem zugleich hohen Mineral-, Vitamin- und Ballaststoffgehalt trotzdem essen. 

Bei den anorganischen Mikronelementen sind besonders bedeutsam

Magnesium: Es ist lebenswichtig und an über 300 Enzymprozessen im Körper beteiligt. Es wird für die Funktion der Muskeln benötigt (u.a. den Rhythmus des Herzmuskels), für die Reizleitung der Nerven, den Energiestoffwechsel und den Knochenbau. Es beeinflusst den Blutdruck. Die tägliche Zufuhr soll bei Männern 350 mg und bei Frauen 300 mg betragen.

  • Kalium reguliert den Blutdruck und hält die Gefäße elastisch. 

Zu den wichtigen Spurenelementen gehören (der Körper benötigt weniger als 50 mg pro Kilogramm Körpergewicht von ihnen):

  • Eisen: Es ist für den Sauerstofftransport, die Blutbildung und den Energiestoffwechsel lebenswichtig. In einem Körper sind etwa 3 – 5 Gramm enthalten (hauptsächlich im roten Blutfarbstoff gebunden). Männer benötigen täglich etwa 10 mg, Frauen vor den Wechseljahren 15 mg.
  • Zink ist an mehr als 300 Enzymprozessen beteiligt und schützt die Gefäße vor oxidativen Stress. Es ist u.a. wichtig für das Zellwachstum, den Hormonhaushalt und das Zellwachstum. Der tägliche Bedarf bei Frauen beträgt 7 – 10 mg, der der Männer 11 – 16 mg.
  • Selen schützt die Zellen und unterstützt antioxidative Enzyme.
  • Kupfer ist an der Eisenaufnahme beteiligt und baut Bindegewebe und Sehnen auf.
  • Mangan benötigt der Körper u.a. für den Energiestoffwechsel und den Knochenaufbau.
  • Chrom braucht der Körper für die Regulierung des Blutzuckerspiegels und des Stoffwechsels.
  • Molybdän ist ein wichtiger Bestandteil mehrerer Enzyme, die am Stoffwechsel beteiligt sind. 

Bei den organischen Mikroelementen sind besonders die Vitamine bedeutsam:

  • Vitamin E: Fettlöslich; es schützt die Zellen vor freien Radikalen. Es ist ein starkes Antioxidans. In pflanzlichen Ölen und Nüssen enthalten. Täglicher Bedarf 12 – 15 mg (Tageshöchstmenge 30 mg, Überdosierungen können zu Blutungen führen).
  • Vitamin C: Wasserlöslich; der Körper kann es nicht selber herstellen. Es ist wichtig für die Immunabwehr, den Aufbau von Kollagen und schützt vor freien Radikalen. Täglicher Bedarf: 95 mg für Frauen, 110 mg für Männer. Zu hohe Dosierungen werden vom Körper ausgeschieden.
  • Vitamin D: Bei Sonneneinstrahlung kann es der Körper selber bilden. In Europa ist diese besonders im Winter zu gering. Es ist wichtig für den Knochenbau, ein starkes Immunsystem und die Muskelfunktionen. Oft besteht ein Mangel. Die tägliche Nahrungsergänzung soll dann 20 mg betragen (= 800 I.E.).
  • Vitamin B: Zur B-Gruppe gehören u.a. sieben lebenswichtige, wasserlösliche Vitamine. Jedes hat im Körper eine spezifische Funktion. Da der Körper sie nicht speichern kann, müssen sie täglich zugeführt werden:
    • B 1: Es unterstützt den Energiestoffwechsel und die Nervenfunktionen.
    • B 2: Es setzt die Nahrungsenergie frei.
    • B 3: Es fördert die Schleimhäute und die Erhaltung der Haut.
    • B 5: Es fördert den Eiweißstoffwechsel und die geistige Leistungsfähigkeit.
    • B 6: Es fördert die Bildung der roten Blutkörperchen.
    • B 9 (Folsäure): Es ist wichtig für die Zellteilung und die Blutbildung.
    • B 12: Es ist für die Nervenfunktionen wichtig. Es kommt nur in tierischen Produkten vor und muss deshalb von Vegetariern, Veganer und Darmkranken als Ergänzungspräparat zu sich genommen werden. 

Ein weiters wichtiges Mikroelement ist der

  • Omega-3-Komplex: Er besteht aus den Fettsäuren ALA, EPA und DHA. Er unterstützt die Herz- und Gehirnfunktionen, die Sehkraft und kann den Blutdruck senken. Besonders bedeutsam sind
    • EPA: Es reguliert die Entzündungsprozesse,
    • DHA: Es ist ein Baustein der Zellmembranen und trägt zur Erhaltung der Gehirnfunktionen und der Sehkraft bei.

Präparate sollten mit einer Mahlzeit, die Fett enthält eingenommen werden. Das steigert ihre Bioverfügbarkeit.

Nach der Aufzählung unserer chemischen Abhängigkeiten bei unserer Ernährung kann man die Komplexität unserer Existenz erahnen. Unser Körper ist ein hochkomplexer Interaktionsorganis-mus mit einer unvorstellbaren Vielzahl an Wechselwirkungen, bestehend durch die hohe Zahl seiner Gene, den Interaktionen seiner Moleküle und seiner Protein-Netzwerke. Eine wichtige Rolle spielen dabei deren Veränderungen im molekularen Zellstoffwechsel. Gerät dieser aus seinen Gleichgewichten, gerät auch das körperliche Hormongleichgewicht aus seiner Balance. Eine Langlebigkeit ist nur erstrebenswert, wenn die zusätzlichen Lebensjahre nicht von Krankheiten bestimmt werden. Heute entspricht die Lebensspanne eines Menschen bei uns neun Jahre länger als seine Gesundheitsspanne (laut Weltgesundheitsorganisation). Bis zu seinem 65. Lebensjahr lebt man relativ beschwerdefrei. Danach beginnen oft mehrere Krankheiten, die an ihrem Ende zu Gebrechen ausarten. Eigentlich ist der Mensch (wie alle Lebewesen) ein auf seine Fortpflanzung programmiertes Wesen. Er beginnt zu altern, wenn seine Eigenschaften, die dazu beitragen, nachlassen und er als möglicher Evolutionsträger für eine weitere Entwicklung ausscheidet. Wie schnell man altert, ist deshalb auch von Mensch zu Mensch verschieden. Als kulturorientierte Individuen wehren wir uns gegen diese Realität und versuchen besonders mit Nahrungsergänzungsmitteln dagegen zu steuern, in der Regel nicht wissend, was wir der Komplexität unseres Stoffwechsels damit antun. In der Regel sollen sie alle erfolglos sein. Rational betrachtet, sollen sie zwar positiv seinen Stoffwechsel berühren, doch unzählige wissenschaftliche Untersuchungen haben dies auf den Menschen bezogen, nicht bestätigt (wohl bei manchen Tieren). In der Regel nimmt unser Darm viele ihrer Moleküle nicht auf. Und sollte er es tun, kennen wir ihre Nebenwirkungen nicht. Die Industrie sagt uns zwar etwas anderes. Nahrungsergänzungsmittel sind ein großartiges Geschäft. Ihr Markt soll zurzeit jährlich etwa 150 Milliarden betragen. Wundermittel für eine bessere körperliche Befindlichkeit und ein langes Leben hat man bereits seit der Antike angepriesen. Letztlich entscheidet aber allein unserer Lebensstil, der etwa 50 % unseres Alters bestimmen soll. Wie stark unser Lebensverhalten auf unser Altern Einfluss hat, kann man sehr deutlich an einem Phänomen in Deutschland erkennen. Während hier die Frauen in Ostdeutschland durchschnittlich etwa sechs Jahre Älter als ihre Männer wurden, sind es in Westdeutschland nur vier Jahre gewesen. Erklärt wird dies u.a. damit, dass früher die Frauen in Ostdeutschland weniger geraucht haben als ihre Männer. Auch der materielle Wohlstand spielt eine Rolle. So sterben in Deutschland die Männer im unteren Einkommensviertel neun Jahre eher als die im oberen. Als Ursachen werden den verschiedenen Geldmitteln deren bereits in der Kindheit vorangegangenen Belastungen, die schlechteren Bildungschancen, ein geringeres Selbstwertgefühl, die Möglichkeit sich durchzusetzen und deren Freizeitvorlieben genannt. Auch ihre Wohnstätten und ihre medizinische Versorgung sind schlechter. Die Armen haben deshalb für eine gesunde Lebensweise weniger Möglichkeiten.

Auf den Menschen bezogen, gibt es wahrscheinlich zurzeit kein tatsächlich lebensverlängern-des Medikament oder Nahrungsergänzungsmittel. Im Gespräch und Angebot gibt es folgende Medikamente:             

  • Rapamcin (es verhindert Abstoßungen bei Transplantationen):
    • Ursprünglich war es ein Produkt von Bodenbakterien, das heute bei Transplantationen verwendet wird. Bei Tierversuchen soll es die Autophagie angeregt und dadurch eine lebensverlängernde Wirkung gezeigt haben. Deutsche Beobachtungen haben dies nicht bestätigt, sportliche Muskelverbesserungen soll es sogar abgeschwächt haben.
  • Metformin (ein verschreibungspflichtiges Medikament für Typ-2-Patienten):
    • Es senkt den Blutzuckerspiegel und hat einen positiven Effekt auf das Herz-Kreislauf-System. Bei Tierversuchen war es lebensverlängernd, ob auch beim Menschen, weiß man nicht.
  • Senolytika (Einsatz bei neurogenerativen Erkrankungen, ursprünglich aus der Krebsforschung):
    • Verlängert die gesunde Lebensspane und verbessert altersbedingte Symptome. In Tierversuchen wirkt es dem Altern entgegen. Bei Menschen hat man widersprüchliche Ergebnisse. Es soll evtl. schwere Schäden hervorrufen.

Nahrungsergänzungsmittel:

  • Spermidin:
    • Es soll viele Alterungsprozesse aufhalten und vor Demenz und Krebs schützen. Allerdings wird es vom Körper auch selber gebildet und ist in vielen Lebensmitteln enthalten. Wissenschaftlich konnten die Werbeversprechungen nicht bestätigt werden. Interessant ist es, weil es die zellularen Reinigungsprozesse aktivieren kann. Dadurch können Krankheitserreger, fehlgefaltete Proteine und schadhafte Zellbestanteile abgebaut werden. Bei Krebserkrankungen können erhöhte Spermidingaben sogar schaden. Gesichert ist allein, dass unsere Spermidinkonzentration in den Zellen im Alter abnimmt und Fadenwürmer bei Spermidingaben länger leben.
  • Coenzym Q 10:
    • Als körpereigene Substanz ist sie am Energiestoffwechsel der Zellen beteiligt. Es ist wichtig für die ATP-Produktion (körpereigene Energie) der Mitochondrien. Im zunehmenden Alter sinkt der Q 10-Spiegel im Körper. Bereits ab dem 20. Lebensjahr beginnt er im Köper zu sinken, ab dem 40. macht es als Nahrungsergänzungsmittel Sinn. Allerdings ist es als solches umstritten (die EU hat es als solches nicht zugelassen, deshalb wird es mit anderen Inhalten kombiniert angeboten). In Tierversuchen verminderte es Alterserscheinungen. Empfohlen wird eine Tägliche Dosierung von 100 mg.
  • Taurin (organische Säure):
    • Sie schützt das Herz, die Muskeln und Nerven, wirkt antioxidativ und unterstützt die Fettverdauung.
  • Kreatin:
    • Im Körper befindet es sich vorwiegend in den Skelettmuskeln, im Herzmuskel und im Gehirn. Es wird hauptsächlich in der Leber gebildet, gelangt von dort ins Blut und dann zu den Organen. Bedeutsam ist es für die Muskelkontraktion und die Hirn- und Nervenfunktionen.
  • Butyrat (Buttersäure):
    • Sie entsteht im Dickdarm beim Abbau der Ballaststoffe durch Bakterien. Sie ist die Hauptenergiequelle der Darmschleimhautzellen und hilft bei Magen-Darm-Beschwerden (täglicher Einsatz 500 – 1000 mg).
  • Urolithin (Stoffwechselprodukt der Darmbakterien):
    • Es fördert die Mitochondrien und verbessert die Energieproduktion. Im Granatapfel und in Beeren enthalten. In Deutschland nur Vorstufen im Handel.
  • Glutathion (ein körpereigenes Molekül):
    • Es unterstützt den Körper vor oxidativen Stress, bei seiner Entgiftung und seinem Immunsystem. Er kann es selbst herstellen. Ab dem 40. Lebensjahr sinkt der Glutaminspiegel in ihm allerdings drastisch (besonders die Bausteine Cystein und Glycin), und es besteht ein erhöhter Bedarf.

Es gibt eine Unmenge verschiedenster Nahrungsergänzungsmittel im Handel. Die meisten beinhalten gezielt einen Pflanzenstoff und zielen auf die Funktionen nur eines Organs. Bei vielen gibt es keine wissenschaftlichen Untersuchungen in Hinblick auf ihre Wirksamkeit. Andererseits besteht oft die Gefahr körperlicher Überdosierungen, verbunden mit Ungleichgewichten im Stoffwechsel, negativen Wechselwirkungen und einem erhöhten Infektionsrisiko.

In anderen Kulturen wird das Alter der Menschen anders ge- und erlebt: In den indigenen Stammeskulturen richtet sich der Wert eines Menschen nach seiner Befähigung Nahrung zu beschaffen und sich fortzupflanzen. Oft besteht in den Familien eine strenge Rangfolge. Von Klein auf wird das Zusammengehörigkeitsgefühl in den Gruppen gefördert. Ihre jeweiligen Normen, auch gegenüber den Alten, bestimmen das Zusammenleben. In manchen Gruppen gibt es eine Altentötung, ein selbstgewählter sakraler Suizid oder eine soziale Isolation durch verschiedene Stigmatisierungsformen.

Anders als unsere westliche Medizin, die primär von der Behandlung und Heilung einzelner Leiden ausgeht, hat die asiatische zunächst den ganzen Menschen im Blick und stützt sich dabei auf Jahrtausende alte Traditionen und Erfahrungen. Im Konfuzianismus besteht das Ideal einer Altenverehrung und die Forderung sich im Alter weiterzubilden. Der Taoismus fordert dagegen ein sich Einfühlen in die Natur und energieweckende Körpertechniken für ein langes und gesundes Leben. Ein Ziel ist es, auch das Alter zu kultivieren. Die chinesische Heilkunde baut dabei auf fünf Säulen: Kräuterheilkunde, Ernährung, Bewegung (Qigong) Massagen und Akkupunktur. Bei den Kräutern werden besonders verwendet:

  • Ginkgo:
    • Genutzt werden Samen (Yin-Anteil, giftig, nicht in der westlichen Medizin) bei Atembeschwerden und Nierenproblemen und Blätter (Yang-Bezug) zur Stärkung der Lebensenergie und Förderung der Durchblutung (in Europa Einsatz zur Gehirndurchblutung und bei Gedächtnisstörungen).
  • Ginseng:
    • Zur körperlichen Stärkung und nervlichen Beruhigung. Er hilft dem Körper mit Stress umzugehen.
  • Tragant (Astralagus):
    • Gilt in China als Stärkungsmittel, das die Lebensenergie aufbauen soll, das Immunsystem unterstützt, besonders bei Nierenerkrankungen hilft und das die Menschen vor Stress schützt.

Die traditionelle indische Kultur des Ashram kennt vier Lebensphasen eines Menschen, die

  • eines Kindes und Jugendlichen,
  • eines sorgenden Familienvaters,
  • eines Meditierenden mit reduzierten Lebensansprüchen,
  • eines Entsagenden (Sannyasin), der sich auf seinen Tod und damit seinem Einswerden mit dem Unendlichen vorbereitet.

Die indische Heilkunde orientiert sich an einem ganzheitlichen Körperzugang. Sie versucht besonders dessen Selbstheilungskräfte zu aktivieren und dem Körper und den Geist in ein Gleichgewicht zu bringen. Sie baut dabei auf unzählige Heilpflanzen, Ernährungsvorgaben, Yoga und Entgiftungsmethoden. Die wichtigsten Heilpflanzen sind:

  • Kurkuma: Es soll bei Entzündungen, Verdauungsbeschwerden und Arthrosen helfen.
  • Rizinus: Es wird bei rheumatischen Beschwerden und als Abführmittel eingesetzt.
  • Fenchel: Man benutzt ihn bei Magen und Verdauungsproblemen.

Ähnlich wie die chinesische und indische Medizin versuchte auch Hildegard von Bingen (1098 – 1179) bereits vor tausend Jahren in einer Zeit der Voraufklärung in Europa Lebensregeln für ein gesundes Altern zu empfehlen. Sie ähneln stark auch unseren heutigen Empfehlungen. Dazu gehörten („6 goldene Regeln“):

  • eine naturnahe Ernährung (begleitet von Kräutern und Gewürzen),
  • der Aufenthalt in der Natur,
  • Bewegung und Ruhepausen,
  • ein ausreichender Schlaf,
  • Fasten (zur Entschlackung des Körpers),
  • das Meiden von Lastern und die Suche eines inneren Friedens.

Der dritte Ansatz zur Förderung eines gesunden Lebens nach dem heutigen Forschungsstand war ein        

  • ausreichender Schlaf: Während der Nacht regeneriert sich der Körper (besonders das Gehirn). Er ordnet dann seine Stoffwechselvorgänge und stärkt sein Immunsystem. Empfohlen wird ein fester, persönlicher Schlafrhythmus, eine dunkle Umgebung, ein Verzicht auf schwere Mahlzeiten und ein digitales Abschalten. Nach Matthew Walker wird ein QQRR-Konzept vorgeschlagen: 7 – 9 Stunden Schlafdauer, ausreichende Tiefschlaf- und REM-Phasen, feste Schlafzeiten, die einem persönlichen Schlafrhythmus entsprechen. Ein Schlafmangel ist an vielen Krankheiten beteiligt. Bei einem Fehlen erholsamer Schlafphasen leidet die Regulation des Gedächtnisses. Er schädigt die DNA-Reparaturprozesse, verkürzt die Telomere und verhindert die Autophagie. Die Hälfte der deutschen Bevölkerung leidet unter gelegentlichen Schlafstörungen. 6 – 10 % mindestens an 3 Tagen in der Woche. Etwa 1 Million von ihnen sind schlafmittelabhängig. Bei Schlafschwierigkeiten helfen evtl. bewusste Atemübungen (durch die Nase einatmen – evtl. den Atem halten – durch den Mund ausatmen), Temperaturen unter 20 Grad und vor dem Schlafengehen zur Ruhe zu kommen (körperlich und mental zu entspannen).
  • Der vierte Ansatz ist eine Stressreduktion, ein innerlich zur Ruhe zu kommen: Stress gehört zum Leben und beeinflusst u.a. unseren Blutdruck, das Herz-Kreislauf- System und unseren Schlaf. Bei Überforderungen leidet allerdings die Gesundheit. Einen großen Schaden richtet Stress an, wenn er chronisch wird und zu psychischen Schäden führt. Wichtig ist, immer wieder zur Ruhe zu kommen. Hilfreich sind dafür Entspannungsübungen (u.a. Yoga, Achtsamkeitsübungen) und sich einen Lebenssinn zu geben.
  • Fünftens, geistige Herausforderungen und soziale Kontakte: Jede geistige Anregung und jeder geistige Austausch tragen zur Leistungsfähigkeit des Gehirns bei. Soziale Beziehungen schützen uns vor Einsamkeit und einer sozialen Isolation. Soziale Faktoren bestimmen über ihre psychischen Bezüge weitgehend das Selbstwertgefühl und die Lebenszufriedenheit eines Menschen. Förderlich sind ein harmonisches Familienleben, Nachbarschaften und gemeinsame Rituale. In den wissenschaftlichen Untersuchungen wird dabei kaum auf den verschiedenen Bedarf von intro- und extrovertierten Personen eingegangen.
  • Sechstens, das Meiden von Schadstoffen: Man zählt dazu nicht nur Nikotin, Alkohol, Zucker und Drogen, sondern auch alle Gifte und Stäube. Und ihre Betrachtung ist sehr kompliziert, da sie neben ihren schädigenden physischen Belastungen, denen man sich nicht entziehen kann, oft auch viele psychische und soziale Aspekte berühren, die wir subjektiv durchaus als positiv empfinden und die im Extrem für uns einen Suchtcharakter besitzen. Auffallend ist, dass sie wegen ihren negativen Wirkungen in unserer Evolution nicht ausgegrenzt wurden. Wahrscheinlich haben sie für unser menschliches Dasein deshalb auch eine positive Bedeutung gehabt. Unser heutiges Betrachtungsproblem ist, dass wir deren negativen Wirkungen aus unserem heutigen technologischen Zivilisationsstand heraus betrachten. Früher gab es den Zucker und den Alkohol nicht in ihren heutigen Konzentrationen, die erst die Schäden in unseren Organen hervorrufen. Der Zucker diente als Energiequelle und sein Gewinn wurde von Wohlfühlbotenstoffen begleitet. Den Alkohol gab es nur niedrig konzentriert und erst in unserer Zivilisation wurde er so hochprozentig, wie wir ihn heute kennen (Spirituosen sind wirkungsstärker als Biere und Weine). Evolutionsmäßig werden ihm aber mehrere wichtige positiven Eigenschaften zugesprochen (so Edward Slingerland):
  • Sein Einfluss auf den präfrontalen Kortex machte den Menschen kreativer und flexibler im Denken. Erst dies ermöglichte wahrscheinlich viele Aspekte der heutigen menschlichen Kulturen und Zivilisationen.
  • Zudem wurde er zu einem wichtigen Mittel der menschlichen sozialen Bindungen. In fast allen Kulturen wurde er in Ritualen eingebunden oder in geselligen Runden konsumiert.

Der Wein ist in vielen Ländern noch heute ein wichtiger Bestandteil der gemeinsamen Mahlzeiten. Gemeinsam genossen, baute er zwischen den Menschen Misstrauen ab, schuf soziale Bindungen und förderte so das Entstehen unserer Zivilisationen. Inzwischen genießen wir den Alkohol als Destillat allerdings hochkonzentriert und auch oft allein. Darauf sind wir biologisch nicht programmiert und seine negativen Seiten kommen so voll zum Tragen.

Der Alkohol ist ein starkes Zell- und Nervengift, das im Gehirn sehr komplex wirkt (zunächst durch seine Dopaminausschüttungen mit einem entspannenden und anregenden Effekt, einem Gefühl der Freiheit, bei Frauen auch emotionsregulierend). Als solches sollen über 200 verschiedene Krankheiten auf ihn zurückzuführen sein (WHO, u.a. Leber- und Nervenschäden, ein erhöhtes Krebsrisiko, Bewusstseinsstörungen). Über den Dünndarm gelangt er ins Körperwasser und von dort in fast alle Organe wie das Herz, das Gehirn und die Muskeln. Ein Großteil wird in der Leber abgebaut. Besonders empfindlich reagiert das Gehirn darauf, wo er verschiedene Botenstoffe beeinflusst, die für die Informationsvermittlung zwischen den Zellen zuständig sind. Frauen reagieren auf Alkohol stärker, da ihr Wasseranteil im Körper geringer ist. Psychisch wird er zum Problem, weil er oft zur Angst- und Stressbewältigung genutzt wird und süchtig machen kann, sozial, weil er in viele unserer gesellschaftlichen Rituale eingebunden ist und wirtschaftlich, weil er in seiner Produktion einen wichtigen Wirtschaftsfaktor darstellt.

Genau genommen weiß man noch nicht genau, weshalb wir eigentlich altern. Es ist ein biologischer Vorgang, der teilweise bereits von den Genen (zu etwa 10 – 30 %) beeinflusst wird und zellularen und molekularen Mechanismen folgt. Eine wichtige Rolle spielen auch der persönliche Lebensstil und die Umwelteinflüsse. Je nachdem welches Bild man selber vom Altern hat, nimmt man eher dessen positiven, bzw. negativen Seiten wahr. Da man dem Neuen gegenüber aber allgemein eine innere Aufgeschlossenheit abspricht, bezieht man es selten in seine Zukunftsorientierungen ein, so dass die Lebensplanungen dann weitgehend ohne sie erfolgen (z.B. die Planung von Altersheimen). Sozial beginnt das Alter mit dem Austritt aus der Berufswelt. Damit ändern sich auch die jeweiligen Rollen, die man bis dahin eingenommen hat. Die Aufgabe, die deshalb dann auf die Menschen zukommt, ist es, sich neue zu suchen und das heißt, sich auch psychisch für etwas zu engagieren. Daraus können sich dann neue Kompetenzen entwickeln, die mit einer neuen selbstverantwortlichen Existenz verbunden sind. Der einzelne Mensch muss sich dann dafür eine entsprechende räumliche Umgebung und ein entsprechendes soziales Umwelt schaffen.

Das Älterwerden ist biologisch gesehen zunächst nur eine Festlegung der Transmitterwege (Netzwerke unserer Nervenzellen) in unserem Gehirn. Diese erfolgt zunächst entscheidend in unserer frühen Kindheit über unsere Prägungen und dann lebenslang mehr oder weniger intensiv über unsere Erfahrungen. Von unserem Stoffwechsel und speziell unseren Hormonen gesteuert, bestimmen diese unser Fühlen und Denken und damit letztlich auch, was wir als unseren Lebenssinn ansehen. Das bedeutet, das er auf den einzelnen Menschen bezogen, eigentlich nichts Großes darstellt, sondern nur die jeweilige Orientierung eines Menschen ausdrückt. Und diese erreicht vielleicht ihren befriedigendsten Wert, wenn sie sich mit den Energieträgern der Natur vereint, in der Meditation, im Aufgehen in der Transzendenz. In der Überlegung nach dem Sinn unseres Daseins fassen wir dann die Summe unserer Erfahrung zusammen und geben ihnen ein Bewegungsziel.

Jeder Mensch wird einmal alt, und wir können diese Zeit unter verschiedenen Aspekten betrachten:

  • Als eine Zeit kleiner werdender Schritte, grauer werdender Haare, schwächer werdender Sinne, eines schlechter werdenden Gedächtnisses, geringerer körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit,
  • als eine Zeit zunehmender Gebrechen und Krankheiten,
  • als eine Zeit in der viele immer starrsinniger werden,
  • als eine Zeit in der die Lebenszeit voll dem Konsum zur Verfügung steht, dieser zum existenzbestimmenden Lebenssinn wird,
  • als die verbleibende Zeit vor dem Tode.

Letztlich ist es aber unsere Zeit des Abschiednehmens von unserem Dasein auf dieser Erde. Wir verdrängen dies in der Regel, aber es ist die Realität. Bei einzelnen Schritten wird es manchmal nur überdeutlich, beim Verlassen-müssen seiner bisherigen Wohnung, der Verabschiedung von einzelnen lieb gewonnenen Gegenständen, den immer öfter auftretenden Tod eines Freundes, eines Nachbarn oder besonders, wenn man zum 70-jährigen Klassen- oder Konfirmationstreffen fast nur noch alleine kommt. Mit dem Tod erreicht das Alter sein Endziel.

Ein Leben verläuft in seinen Phasen rhythmisch als eine Abfolge von „Aufbau, Stabilität und Abbau“, von Werden, Tätigsein und Abklingen. Am Ende steht eine verbrauchte Existenz mit ihrem Rückblick, mit Schmerzen und je nach Befindlichkeit einem wohlwollenden oder angstbetonten Erwarten des Todes. Dieser ist dann eine winzige Wellenbewegung in den energetischen Quantenrhythmen des Universums. In der Regel verstellen unsere religiösen Setzungen nur unseren Blick auf diese wahrscheinliche Tatsache.

Ein Altern vollzieht sich immer in einem sozialkulturellen Hintergrund einer bestimmten Gesellschaft, einem Hintergrund auf den man als einzelne Person keinen Einfluss hat. In welcher Gesellschaft man sich gerade befindet, ist Schicksal. In der Regel hat man auf sie als Ganzes in ihrer Gegebenheit keinen Einfluss. Man kann nur seine persönlichen Bewegungen in ihr begrenzt bestimmen. Die Gläubigen sehen darin die Freiheit die jeder in unserer Gesellschaft besitzt. Innerhalb einer Normalbiografie ist dies aber weitgehend eine Illusion. Selbst unsere freien Entscheidungen sind in unseren Gehirnen bereits lange vor ihrer Aktivierung festgelegt, und der Tatbestand, in dem sie erfolgen, ist auch nur ein kausales Ergebnis in gewaltigen komplexen Abfolgen. Aber dieses Beziehungssystem entzieht sich weitgehend unserem Denken, d.h. den bewussten Abläufen in unserem Gehirn.

Erst in den letzten hundert Jahren hat sich das Alter zunehmend zu einer eigenen nachberuflichen Lebensphase entwickelt. Damit wird das Alter auch zu einer allgemeinen sozialen Aufgabe, die bisher weitgehend ungeklärt ist. Zurzeit wird es noch als eine Phase des verdienten nachzuholenden Lebensgenusses definiert, eines Genusses, der weitgehend konsumorientiert ist. Damit belastet er die bereits heute überforderte Erde in Zukunft mehr als sie verkraften kann. Aus diesem Problem heraus stellt sich verstärkt die Frage nach einer echten individuellen Sinngebung, wie auch der einer sozialen Sinngebung ihrer Existenz. Wir können künftig nicht Milliarden Menschen auf ein Ballermann-Dasein schicken, während wir zugleich für die Aufrechterhaltung ihres Konsums unsere Lebensgrundlagen zerstören. Natürlich werden die Alten dies nicht gerne hören. Man erwartet bereits heute deshalb einen künftigen „Generationenkampf“. Doch welche echte Alternative gibt es dazu, wenn wir das sich abzeichnende Problem nicht verdrängen wollen? Vielleicht brauchen wir eine neue Sinnsensibilisierung dafür und innerhalb der sich abzeichnenden neuen Zivilisationsphase völlig neue Orientierungssysteme.

Die zentrale Frage des Alterns ist, wie kann es für die Menschen so gestaltet werden, dass es ihnen als Individuen, bzw. ihren sozialen Gemeinschaften entspricht. Zurzeit wird es individuell von den jeweiligen persönlichen Ansprüchen und sozial vom Versuch, die damit verbundenen Probleme zu verdrängen. bestimmt. Alle Förderungen der Alten mit der Absicht einer größeren Nutzung ihres Potentials muss dabei auch deren Eigeninteressen berücksichtigen. Langfristig dürfte dies auf eine „eigene Lebenskultur“ zielen mit eigenen positiven Identitätsinhalten und eigenen Infrastrukturen. Gerade im aktuellen zivilisatorischen Umbau unserer Gesellschaften dürfte ihr Potential sozial eine große Zukunftsbedeutung zukommen.

Das Alter kann auch ein Anreiz sein, neue Wege zu gehen. Man kann dazu z.B. durch Schicksalsschläge gezwungen werden, wie den Tod seines Lebenspartners oder durch ein emotionales Erweckungserlebnis, bzw. eine rationale Überlegung. Ihre persönlichen Grundeigenschaften (z. B. introvertiert, extrovertiert) oder ihre Beziehung zum persönlichen Selbstwertgefühl dürfte dabei eine entscheidende Rolle spielen. Zumeist sind es punktuelle Erfahrungen vor dem Hintergrund ihrer dauerhaften Lebenssituation, die sie auf ihre neuen Wege bringen.             

Wir leben unser Dasein unter vier Orientierungsperspektiven:

  • Einmal auf einer ständigen Orientierungssuche und darin vom Wunsch getragen, unserem Leben eine Struktur, ein Ziel, einen Sinn geben zu können.
  • zum anderen, davon ablenkend, auf einer ständigen Suche nach neuen positiven Hormonausschüttungen, die sich in der Regel für die meisten von uns als Dopaminausschüttungen am leichtesten realisieren lassen.
  • Naturorientiert: Hier sind wir biologisch ganz auf unsere Fortpflanzung hin programmiert. Wie wahrscheinlich alle Säuger sind wir hier statusausgerichtet. Allein wichtig sind hier für uns unsere soziale Stellung. Unser Selbstwertgefühl leitet sich von hier ab, und alle sozialen Strukturen werden von hier entscheidend In unseren Gesellschaften ist es kulturell überlagert. Es bestimmt aber unsere gesamte Sportwelt und reicht bis zum Hegemonialstreben großer Staaten.
  • Der vierte, in unserer Kultur völlig überdeckter Orientierungspunkt ist der unserer Befähigung zur Transzendenz, unserer emotionalen Vereinigung mit den Ausdrucksweisen der Energiekräfte der Natur. Bei den Naturmenschen als Teil ihrer Existenz gewesen, ist es als tragende Kraft in all unsere Religionen eingegangen und dann dort von den Setzungen ihrer Kulturen völlig überlagert worden. Heute ist dieses Gefühl weitgehend nur noch zu einem abstrakten Erinnerungswert verkommen und besteht als tragende Kraft kaum noch bei den Menschen. Vielleicht am ehesten am Rande noch in den indischen und chinesischen Religionsformen.

Erlebt kann ein Alter immer nur subjektiv werden, zwar eingetaucht aus dem Blickwinkel einer sozialen Wertwelt heraus, aber immer auf eine persönliche Sicht begrenzt. Im Alter kann sich zwar auf Grund der bisherigen Erfahrungen die Spannweite des Blicks öffnen, andererseits durch dessen zunehmende Ausfälle auch immer stärker verengen und im Falle einer Demenz für den Realbezug ganz fortfallen (ab dem 90. Lebensjahr sollen etwa 50 % der Menschen mehr oder weniger dement sein). In unserer Endlichkeit sollten wir uns dessen in allen Lebensstufen bewusst sein. Zwar fühlen wir uns ab unserem 75. Lebensjahr geistig oft noch leistungsfähiger als wir es tatsächlich sind und sind auch an vielen Dingen interessiert, doch unsere körperliche Situation zeigt uns oft bereits deutlich unsere sich ankündigenden Grenzen und wir flüchten kompensatorisch in eine positive Illusionswelt.

Wir erhoffen zunehmend das Alter als einen Lebensabschnitt der Gesundheit, der Freiheit und des Glücks zu erleben (wobei Glück wegen den abnehmenden geistigen Befähigungen und der abnehmenden Beweglichkeit in Ermangelung eines anderen Lebenssinns oft nur als Konsum verstanden wird). Vielleicht ist es richtig, dass unser Älterwerden allein die Zeit unseres Abschiednehmens ist, unseres Abschiedes auch von vielen unserer eigenen Befähigungen und zunehmend von unserer Selbständigkeit. Es ist nicht so sehr der Abschied von vielen fremden Dingen. Sie haben uns sowieso nur begrenzt gehört. Es ist besonders auch der Abschied von uns selber, der uns schmerzt.

Mit dem Alter sind immer auch Biographien, immer auch Lebenserinnerungen verbunden, wie beim Autor seine Vertreibung aus seiner Heimat durch die Polen, seine Unterkunft (1945) in Berliner Massenlagern oder später, wenn er auf seinem Schulweg roch, dass in den Häusern unerlaubt Alkohol gebrannt wurde. Es gab damals noch Dorfpolizisten, aber die schritten dagegen nicht ein. Sie waren Verwandte oder Freunde der Brennenden und erhielten für ihr Schweigen eine Belohnung. Ähnliche Erinnerungen begleiten die Menschen dann aus fast allen Jahrzehnten ihr ganzes Leben. Und am Ende bestimmt dann deren Summe ihre Lebenserfahrung. Aus den verinnerlichten Werten und den Lebenserfahrungen leiten dann die einzelnen Individuen ihren Lebenssinn ab, d.h. ihre persönliche Orientierung auf ein Ziel hin. Er ist damit immer persönlich ausgerichtet. Sozial ausgerichtet wäre er eine Unterstellung unter die Ziele einer Leitkultur, z.B. der Vereinigung der europäischen Kleinstaaten zu einer europäischen Kulturgemeinschaft in Form einer Föderation. Aus dem Lebenssinn können die einzelnen Individuen im Alter die Kraft für ihr verbleibendes Leben schöpfen. Indem sie dabei in ihrer bisherigen Wertwelt bleiben (sie können gar nicht anders), geben sie auch ihrem eigenen Leben einen weiteren Wert, der ihrem persönlichen Selbstwertgefühl und damit ihrer Psyche gut tut. Mit einem solchen Inhalt können sie auch leichter Krisen bewältigen, die oft im Alter mit der zunehmenden körperlichen und geistigen Hinfälligkeit immer häufiger auftreten.

Das Alter ist zunächst nur ein Zahlenwert, dem eine gewisse Objektivität anhaftet. Andererseits ist es eine subjektive Lebenswelt. Man will von seinem Selbstwertgefühl her nicht alt sein, weil man von dessen Schwächen weiß. Als alt sieht man gerne oft nur die anderen an. Dabei erforscht man z.B. bei Klassentreffen nach 50 Jahren erschreckt in den Gesichtern der ehemaligen Mitschüler die verflossene Zeit und damit indirekt auch sein eigenes Ältergewordensein.

Lebenserfahrungen erfolgen immer in einem zumeist sozialen, zeitabhängigen Umfeld. Dabei sind es psychisch die Widersprüche zwischen unseren biologischen Vorgaben und unserer zivilisatorischen Lebensweise, die entscheidend zu unseren inneren Problemen beitragen. Unsere Hormonproduktion stimmt dann nicht mit unseren Naturanforderungen überein. Wir sehen das dann nur nicht so, weil uns unsere zivilisatorische Setzungswelt davon abhält. Vielleicht ist dies nur der erste Schritt auf dem Weg zu unserem künftigen Avatarsein. Wir sehen die Anzeichen dafür zwar bereits überall, verdrängen sie aber aus unserem Blickfeld. Unsere Ideale leiten wir immer noch von wunschmäßig tief im Menschen erhofften Anlagen wie einfühlsam, verständnisvoll und besonders im Alter wie weise ab, wobei letztere dann als höchstes Ziel gesehen wird.

Unsere Einstellungen den älteren Menschen gegenüber sind Kulturergebnisse. Besonders in den östlichen Kulturen gelten die Familien noch als Orte dauernder Verpflichtung. In vielen Regionen ist es dort noch das Erbe ihres früheren Ahnenkultes (z.B. in Japan) oder im Buddhismus seines Achtsamkeitsgebots hilfsbedürftigen Menschen gegenüber. Ein Körper gilt hier in manchen seiner Ausprägungen nur als eine Durchgangsstation, während er in der Antike als ein Gefäß des Geistigen galt. Erst mit dem Wohlstand, den die industrielle Revolution (auch bei aller Not) für die breite Gesellschaft geschaffen hat und die allgemeine Verlagerung der Sozialaufgaben von der Familie auf die Gemeinschaft, wurde auch für die Alten bei uns ein Zustand relativ hoher sozialer Sicherheit geschaffen. Relativ orientierungslos und durch das inzwischen hohe erreichte Alter oft relativ egozentrisch geworden, wird es weitgehend über den Konsum gelebt. Wirtschaftliche Gewinninteressen (z.B. Seniorreisen) fördern noch diese Entwicklung. Auch die raschen technologischen, naturfremden Entwicklungen und der zunehmende Individualismus der jüngeren Generationen, lassen eine Gemeinschaftskultur der älteren Generationen immer unwahrscheinlicher erscheinen. Doch sie sind da, und es werden immer mehr von Ihnen. Was soll mit ihnen geschehen? Zunächst müsste auch bei uns eine notwenige, neue Altenkultur einen gewissen empathischen Hintergrund besitzen und dann aber auch noch einen eigenen tatsächlichen wertvollen Lebenssinn. Bei dem raschen, oft nur modischen Wandel unserer Wertwelt ist ein solcher zurzeit nicht zu erkennen. Dafür müssten die Alten zunächst aus ihrer aktuellen Lage, wirtschaftlich und sozial nur eine unproduktive Last zu sein, herauskommen und den nachkommenden Generationen verstärkt bewusst werden, dass sie selber nur diejenigen sind, die dabei sind, in deren körperliche, geistige und psychische Situation hineinzuwachsen und dass es für sie dazu keine Alternative gibt. Wenn jeder Mensch einen Wert hat, dann gilt dies auch für die Alten. Es ist deshalb eine Aufgabe unserer heutigen Gesellschaft dies zu erkennen und diesen Wert perspektivische sinnbringend in sie zu integrieren. Dies ist vielleicht rational auch nachzuvollziehen, doch bedeutet es auch eine gewisse Rückkehr zu unseren biologischen, naturgegebenen Ursprüngen, wie wir sie vielleicht nur wieder über verschiedene Meditationsformen erreichen können. Dabei durchströmen uns unsere Selbstwahrnehmung, setzen wir uns von der Fremdwahrnehmung und den sozialen Erwartungshaltungen ab und tauchen ein in unsere eigene körperliche Vitalität, unsere eigenen Bindungen und Wahrnehmungen.

Mit zunehmenden Alter ändert sich unser körperlicher und geistiger Bezug zu unserer Umwelt. Unsere Fähigkeiten nehmen ab, unsere aktiven Beteiligungen an unserer eigenen Lebensgestaltung werden immer geringer. Im 60. Lebensjahr leben noch 95 % der Betroffenen in ihren Privatwohnungen (fast die Hälfte von ihnen allein), in Wohnungen, die auf eine solche Entwicklung nie ausgerichtet waren. Altersgerechte Ausstattungen müssen in ihnen nachträglich noch eingebaut werden, um ein alltägliches Leben überhaupt noch führen zu können. Im fortgeschrittenen Alter werden dann noch zusätzliche Betreuungshilfen benötigt, bzw. steht der Umzug in ein Alten- und Pflegeheim bevor. Die Privatheit dieser Menschen, besonders wenn sie zu Pflegefällen geworden sind, sinkt auf ein Minimum.

Kennzeichnend für die älteren Menschen ist, dass sie den größten Teil ihrer Zeit in ihrer Wohnung, bzw. in deren unmittelbaren Umgebung verbringen. Einen gewissen Einfluss auf ihre Aktivitäten hat noch ihre Gesundheit und ihre Mobilität, die aber im Laufe der Zeit stark abnehmen. Ihre Wohnung bleibt ihnen ihr vertrauter Lebensbereich, der ihnen noch eine gewisse Selbständigkeit lässt. Ein Problem ist dann oft, dass ihre sozialen Kontakte massiv einbrechen. Dies gilt besonders für Alleinstehende. Voraussetzungen für eine selbständige Haushaltsführung sind dann eine noch weitgehende Funktion der Sinnesorgane und der Gehfähigkeit. Fallen diese aus, versuchen die Betroffenen in deren Anfängen sie durch Kompensationen noch auszugleichen. Geeignete Möglichkeiten können dann oft technische Hilfen und Wohnbetreuungen sein. Ein Alter ist immer auch nicht nur mit persönlichen Neuorientierungen verbunden, sondern auch mit einer Umorientierung seiner unmittelbaren Lebenswelt, d.h. mit Einschränkungen und Verlusten. Man konzentriert sich auf das Wenige, das man tagtäglich benötigt und das für einen besonderen ideellen Wert besitzt: Sitzgelegen-heiten, Schrankräume für seine Kleidung und seine persönlichen Bücher und Erinnerungswerte. Es verbleibt nur eine kleine Welt für den persönlichen Bewegungsraum, das Leben verbliebener Interessen und für den Bereich gelegentlicher sozialer Kontakte. Allgemein wissen wir gar nicht, mit wie wenig wir eigentlich auskommen können. Camper beweisen es. Sie leben auf engstem Raum, oft sogar zu zweit. Der Umzug in ein Altenheim kann dann ihr Leben grundlegend verändern. An seinem Ende wird es dann oft nur noch ein Warten auf seinen Tod.

Oft stellt die eigene Familie immer noch eine entscheidende Hilfsquelle und ein soziales Netzwerk dar. Früher war das noch die romantisch verklärte Mehr-Generationen-Großfamilie gewese, doch die gibt es heute nicht mehr. Die alten überkommenen Familienbeziehungen lösen sich zunehmend auf, und an ihre Stelle treten soziale Netzwerke. Die früheren formalen Verwandtschaftsbeziehungen haben in unserer Gesellschaft weitgehend ihre Bedeutung verloren. Selbst enge Familienmitglieder kennen sich oft kaum noch. Früher stellte eine Familie den zentralen Lebensort dar. Man beeinflusste sich gegenseitig. Damit besaß sie auch eine identitätsstiftende Funktion. Früher wurde das Leben in ihnen von Pflichtwerten bestimmt, heute von solchen der Selbstverwirklichung, die in der Regel nur Formen der persönlichen psychischen Bedürfnisbefriedigung darstellen. Wahrscheinlich werden die zukünftigen Generationen kaum noch Verwandtschaftssysteme kennenlernen, wie es sie früher gab. Vielleicht wird sich dies weniger im Sinne eines Funktionsverlustes, sondern nur als ein Funktionswandel herausstellen. In jedem Fall ist die bestehende Entwicklung ein weiterer Aspekt unserer ideologischen Naturentfremdung.

Frauen leben länger als Männer, sind dabei aber nicht gesünder. Die kürzere Lebensdauer der Männer ist bereits biologisch vorgegeben: Sie sterben bereits häufiger als Föten, werden als Jungen häufiger krank, sie sind anfälliger für Infektionen und leben risikobereiter. Selbst ein maßvolles Männerleben ändert nichts an dieser Situation. Mönche leben z.B. zwar durchschnittlich länger als andere Männer, sterben aber trotzdem viel eher als Nonnen.

Frauen werden älter als Männer, werden aber häufiger krank. Die Gründe dafür können sein: Sie reagieren sensibler auf Beschwerden, kümmern sich aktiver um ihre Gesundheit, leiden häufiger an chronischen Erkrankungen (Osteoarthrose, Bluthochdruck), leiden häufiger an größeren Funktionseinschränkungen, haben häufiger Depressionen und andere psychische Erkrankungen. Sie reagieren auf schwierige Lebenssituationen eher emotional. Die Geschlechtsunterschiede werden auch oft mit verschiedenen Rollenzuweisungen verbunden: Die Frauen konzentrieren sich vermehrt um den familiären Bereich, die Männer eher um ihren beruflichen. Parallel zur sozialen Emanzipation der Frauen erfolgt eine Abwertung ihrer Tätigkeiten im häuslichen Bereich und die weitgehende Übernahme früherer Sozialleistungen durch den Staat (Kinder-, Kranken- und die Altenbetreuung). Versprochen werden ihnen dafür alle Formen der Selbstverwirklichung, der individuellen Entfaltung und der persönlichen Aufwertung. Ihre damit verbundene Entfremdung von ihrer biologischen, empathischen Natur und die damit verbundenen psychischen Belastungen werden zugunsten einer angeblich gesellschaftlichen Aufwertung nicht erwähnt. Im Alter ist dann auch die emanzipierte Frau zunächst hyperaktiv und dann einsam krank.

Die Sexualität wird im Alter zunächst stark von den veränderten Hormonhaushalten der beiden Geschlechter bestimmt (wobei der der Frauen mit ihrer Menopause relativ klar definiert ist, während der des Mannes noch weitgehend ungeklärt ist). Dabei kann sie noch bei beiden Geschlechtern bis ins hohe Alter mit spezifischen Einschränkungen bestehen (beim Mann nimmt z.B. die Steifheit des Gliedes ab) und zunehmend zu einem vermehrt rein sinnlich orientierten Bezug werden. Gut zu essen, wird der „Sex des Alters“.

Seit Urzeiten gibt es den Traum von einem langen, gesunden Leben. Noch heute bekannt aus früherer Zeit die Utopie von einem Jungbrunnen, in den man alt und krank einsteigen und dann verjüngt und lebensprühend verlassen konnte. Sie blieb ein Traum. Heute werden für eine hohe Lebenserwartung u.a. eine Nahrungsbeschränkung auf einen Sättigungsgrad von 80 % empfohlen („Hars hachi bu“ in Japan). Sie wird in Japan besonders auf der Insel Okinawa praktiziert (allerdings sollte bei einem entsprechenden Versuch auf eine ausreichende Vitamin- und Mineralstoffzufuhr geachtet werden). Auch sollte man ausreichend trinken. Ein Mensch besteht weitgehend aus Wasser. Etwa 2/3 davon dient seinem Gesamtkörper, der Rest als Transportmittel für seine Nährstoffe und Vitamine, als Lösungsmittel im Rahmen seines Stoffwechsels und als Kühlungsmittel für seine Temperaturregelung. Da er täglich etwa 1,5 Liter ausscheidet, muss er diese durch sein Trinken und seine Nahrung ersetzen. Sein Flüssigkeits-bedarf beträgt etwa 30 – 40 ml je Kilogramm Körpergewicht. Bei Hitze und aktiven Bewegungen können es mehr sein. Wissenschaftler haben festgestellt, dass man für ein langes, gesundes Leben nur auf vier Kriterien zu achten braucht:

  • Eine pflanzenbetonte Ernährung,
  • viel natürliche Bewegung,
  • ein großes soziales Bindungsnetz,
  • ein stressfreies, sinnerfülltes Leben.

Abgeleitet hat man diese Beobachtung, von den fünf Stätten, Regionen, in denen die Menschen zurzeit am längsten leben, es die meisten Hundertjährige gibt: Ikaria (Griechenland), Okinawa (Japan), Ogliastra (Sardinien), Nicoya (Costa Rica) und Loma Linda (Kalifornien).

Auch sollte man beachten, dass viele Menschen (besonders Künstler und Wissenschaftler) im Alter ihre größten Leistungen schaffen. Ihre körperliche Leistungsfähigkeit hat zwar abgenom-men, ihre geistige kann aber durchaus noch wachsen. Ihr Blick auf das Leben ist ein anderer geworden. Sie können auf viele Erlebnisse und damit Erfahrungen zurückblicken und besitzen nun so etwas wie ein „Lebenswissen“, mit dem sie jetzt Neues schaffen können. Ein Lebensziel aller Menschen sollte es sein, ihre Selbständigkeit und Selbstkontrolle über ihr Leben möglichst lange zu behalten. Dafür sollten sie sich eine Vorstellung machen, welche Selbstbestimmung ihre Einschränkungen noch zulassen. Ein besonderes Problem in unserer Gesellschaft stellt zurzeit der Gedanke der Selbstverwirklichung dar. Oft ist er nur der Teilausdruck eines persönlichen Egoismus. Dabei kann er auch immer von einer Überschätzung einer persönlichen Bedeutung begleitet werden. Von außen betrachtet kann man darüber schweigend, lächelnd hinwegsehen, für die Betroffenen bedeutet er aber auch die Schaffung einer eigenen festen Grenzwelt um sich und damit auch eine Distanz zu seinem einfachen Sein, zu seiner Transzendenz.

Das Altern ist ein Abschiednehmen. Ein gelungenes Leben heißt in unserer Kultur, mit sich im Einklang zu sein, das bedeutet nicht, allein im Einklang mit der Natur und deren Kräften zu sein. In unserer Zivilisation ist die Mehrzahl der Menschen bereits so weit von ihr entfernt, dass sie diese rational eher als eine wissenschaftliche oder literarische Größe und nicht mehr als ihren existentiellen Zugehörigkeitsbereich sehen. Sie betrachten ihr Leben bereits als gelungen, wenn es ihren zivilisatorischen Wertmaßstäben entspricht und sie sich darin verwirklichen können. In der Regel ist es ein Weg weit weg von der Natur als solchen. Wohin uns dieser Weg in der Masse eines Tages führen wird, wissen wir nicht. Wir befinden uns wahrscheinlich auf dem besten Weg zu Avataren einer KI-Kultur zu werden, doch verdrängen wir diese Entwicklung aus unserem Bewusstsein, weil wir sie in unserem übersteigerten anthropogenen Selbstwertgefühl nicht wahr haben wollen.

Es ist ein Ausdruck unseres menschlichen Anthropozentrismus, dass wir uns jeweils eine eigene Bedeutung zusprechen, einen besonderen eigenen Sinn für unser Leben. Doch gibt es den nicht. Wir sind nur eine winzige Summe universeller Energie, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Standort. Jeden persönlichen Sinn unserer Existenz sprechen wir uns nur selber zu. Damit erheben wir uns über alle anderen Existenzen, ohne dafür ein Recht oder einen anderen Hintergrund zu besitzen. Wir wollen darüber etwas Besonderes sein. Eine solche Setzung stärkt uns psychisch und tut eventuell unseren Dopaminausschüttungen gut. Letztlich ergibt sich allein daraus der Wert, bzw. die Bedeutung unseres Sinns. Wir wollen unserer Existenz einen besonderen Wert geben, der uns zugleich eine Orientierung und ein Ziel geben kann. Es genügt uns nicht, einfach nur zu sein und in dem Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein, aufzugehen. Alle unsere Zielsetzungen sind nur mehr oder weniger zufällige Spielbälle der Transmitterkontakte in unserem Gehirn, zufällige Ergebnisse unserer genetischen Vorgaben und unserer Prägungen, letztlich ausgerichtet auf ein unbekanntes Ziel hin. Wir können in diesem Zustand und in dieser Situation nur sein, und wenn wir uns etwas Gutes antun wollen, uns nur der Transzendenz des Daseins hingeben und uns damit, materiell gedacht, selber reich beschenken.

Unser Leben hat kaum noch etwas mit der Natur gemeinsam. Es wird von einer Welt unserer Setzungen bestimmt, die oft nur positive Hormon- oder Gedankenwelten aufgreifen. Wir steuern über sie auf ein Dasein neben der Natur, auf eine Möchtewelt der Utopisten und Herrschafts-träumern hin. Unser Problem ist, dass wir dabei den Naturgesetzen nur in kausalen Einzelbereichen eventuell gerecht werden, aber ihrer Komplexität wahrscheinlich nicht folgen können. Das bedeutet, dass wir eines Tages von der Natur als deren Störenfried von allein zur Seite gedrängt und dann völlig ausgeschaltet werden. Vielleicht wird eine kleine Gruppe als weit entwickelter Avatar eine gewisse Zukunftschance haben. Nur wollen wir das?

Der ältere Mensch erfordert in der Zukunft eine doppelte Betrachtungsweise, einmal zunächst in seinen biologischen Gegebenheiten, als eine allmählich abbauende körperlich und geistige Existenz in einer neuen lang andauernden Lebensphase und zum anderen durch deren zunehmenden Länge die Notwendigkeit für sie eine eigene individuelle und soziale Sinngebung zu finden. Das bedeutet, dass wir auch in Verbindung mit unserer Entwicklung zu einer digitalen Zivilisation völlig neue Orientierungssysteme benötigen werden. Bisher sind wir in unserem Denken völlig unseren historischen Werten verpflichtet und alles, was wir tun, denken wir aus diesen heraus. Doch diese Zeit ist voraussehbar vorbei und die Rolle der Menschheit auf der Erde muss dafür völlig neu überdacht werden. Noch ist sie die bestimmende Kraft auf der Erde. Doch ist der Mensch auch nur ein evolutionäres Werkzeug der Natur, der quantengenetischen Möglichkeiten auf der Erde, im Universum. Und über die Rolle der Menschheit in der kommen-den Zeit muss auch die Rolle der Alten in ihr neu überdacht werden. Als eine wichtige mitbestimmende Existenz wird man ihr auch sozial entsprechende Aufgaben zuweisen müssen.

Altern ist ein sich Nähern an die Grenzen seiner Existenz. Der Tod hat zu allen Zeiten in allen Religionen und Philosophien zu unterschiedlichen Betrachtungen geführt. Er war immer ein zentraler Inhalt unseres menschlichen Seins gewesen. Gerne flüchtete man sich in Utopien für eine Zeit nach dem irdischen Sein. Für die Zeit auf der Erde ergab sich mit ihm verbunden die Frage nach dem Sinn des Lebens an sich, die dann auch mit einer Vielzahl von austauschbaren Setzungen beantwortet wurde, einer Vielzahl von Orientierungsangaben, Werten, die heute in ihrer Summe unsere vielen Kulturen bilden. Heute werden die Aussagen der Kirchen zum Tod zunehmend nicht mehr als Wahrheiten gewertet. Nach heutigem Wissen kennen wir keine feste Grenze zwischen Leben und Tod. Unser Sterben ist ein Prozess, der verschieden lange dauern kann. Genau genommen sind wir erst tot, wenn auch die letzte Zelle in uns gestorben ist, doch das kann durchaus mehrere Tage nach unserem ärztlich festgestellten Tod der Fall sein. Noch vor wenigen Jahrzehnten glaubte man, dass der Tod eingesetzt hat, wenn die Atmung und der Kreislauf eines Menschen unwiederbringlich geendet haben. Heute können diese noch lange aufrecht erhalten werden, um den Betroffenen Gewebe und Organe für verschiedene Transplantationsmaßnahmen entnehmen zu können. Als Maßstab gilt heute der sogenannte Hirntod, der Zeitpunkt, an dem alle Funktionen des Gehirns unumkehrbar zusammengebrochen sind. Biologisch hat er damit die körperlichen Grundlagen für seine geistige Existenz verloren. Damit verliert auch sein Organismus seine Lebensfähigkeit.

In Deutschland wird zurzeit das individuelle und soziale Problem einer Lebensverkürzung oft diskutiert, häufig von Schwerkranken gewünscht, in Deutschland aber verboten. Die Bundesärztekammer hat dazu fünf Möglichkeiten zur Diskussion gestellt: Eine

  • Sterbebegleitung: Eine psychische Zuwendung zum Sterbenden,
  • indirekte Sterbehilfe: Eine Lebensverkürzung durch schmerzstillende Medikamente,
  • passive Sterbehilfe durch den Abbruch lebensverkürzender Maßnahmen,
  • aktive Sterbehilfe: Eine aktive Herbeiführung des Todes,
  • Selbsttötung eines tödlich Erkrankten.

Rechtlich sind viele Schritte umstritten, da sie inhaltlich auch viele ethische Grundsatzfragen berühren. Laut deutschem Strafgesetzbuch ist auch eine

  • „Tötung auf Verlangen“ verboten. Selbst ein Versuch wäre strafbar.
  • „Beihilfe zur Selbsttötung“ ist straffrei (wobei deren passive Unterlassung bereits ein Strafbestand ist),
  • „unterlassene Hilfeleistung“ ein Strafbestand. 

Insgesamt gibt es viele Unklarheiten über die Grenzen der erlaubten Sterbehilfe.

Im Laufe der Geschichte gab es über den Tod in verschiedenen Kulturen viele Deutungen. In allen wird er als eine Grenze des Lebens gesehen. Es wird über das Leben gesagt, dass

  • es begrenzt ist,
  • man es nur innerhalb einer kurzen Zeitspanne gestalten kann,
  • es nur eine Ausdrucksform der Natur, des Daseins, unserer energetischen Endlichkeit ist.

Der Tod zwingt uns, uns über die kurze Zeitspanne unseres Daseins Gedanken zu machen.

  • Epikur (341 – 271 v. Chr.): Alles Dasein ist Empfindung, der Tod beendet sie.
  • Marcus Aurelius (121 – 180): Der Tod ist ein Wechsel im Leben.
  • Norbert Elias (1897 – 1990): Der Tod ist das Ende eines Menschen. Es bleibt nur die Erinnerung an ihn.

Früher gehörte das Sterben zu den Alltagserfahrungen der Menschen. Das Sterben wurde von Ritualen begleitet, in denen die Angehörigen eingebunden waren. Der Tod wurde religiös als eine Übergangsform in eine andere Welt gesehen. Heute wird er weitgehend einem Personal von Institutionen überlassen. Er wird weitgehend aus unserem Bewusstsein verdrängt und wird psychisch von Abwehrmechanismen begleitet. Man spricht über ihn nach Möglichkeit nicht und möchte ihn am liebsten wissenschaftlich mit Medikamenten überwinden. Dass man dadurch seinen irdischen Naturbezug verlassen würde, sein biologisch gebundenes Menschsein, wird dabei nicht bedacht.

Zu den bekanntesten Metaphern des menschlichen Lebens gehört der Vergleich mit den Jahreszeiten:

  • Der Frühling wird mit der Kindheit verglichen,
  • der Sommer mit dem jungen Erwachsenenjahren,
  • der Herbst mit den reifen Erwachsenenjahren,
  • der Winter mit dem Greisenalter.

Eine Sinngebung basiert immer auf einer Rückbesinnung an verinnerlichte Werte. Ihre Suche findet in unserer Gesellschaft weitgehend emotional in religiösen oder rational in philoso-phischen Räumen statt. Die meisten Menschen würden gerne zu Hause sterben. In unserer sozialen Realität scheidet die große Mehrheit (bis über 80 %) in Klinken oder Heimen aus ihrem Leben. Der Sterbeprozess wird dann oft bestimmt vom vorangegangenen Lebensstil, Rückerinnerungen, dem Lebenssinn, den man sich gab und der sozialen Integration in seine Umwelt. Oft geht ihm ein sozialer Tod voraus:

  • Ein Schrumpfen seiner sozialen Umwelt,
  • eine Reduzierung seiner kulturellen Bezugswelt.

Er tritt dann schleichend bereits vor dem biologischen Tod ein.

Eine Sterbebegleitung wird oft von den Unsicherheiten der Begleitenden bestimmt. Einerseits ist es die Angst, wenn man einen Tod direkt erlebt, andererseits die Unsicherheiten vor verschie-denen Inhalten einer möglichen Konversation. Besondere Probleme bereiten enge Beziehungen zu den Sterbenden, wenn sie noch jung sind und Alterssuizide alter Männer. Die Ursachen dafür können sehr verschieden sein: Einsamkeit, der Tod eines nahe stehenden Menschen, starke chronische Schmerzen, Ausweglosigkeit und Armut.

Unsere Reaktion auf einen Tod ist unsere Trauer. Als individueller Prozess kann sie sehr verschieden sein. Je nach seiner psychischen und körperlichen Verfassung reagiert jeder Trauernder anders auf ihn. Sie kann mehrere Phasen mit verschiedenen Zeitspannen durchlaufen:

  • Einer Zurkenntnisnahme (und evtl. einem Nicht-wahrhaben-wollen),
  • den inneren Trennungsversuchen,
  • der erneuten Daseinszuwendung.

Sie ist eine private Abschiedsform. Früher war sie in festen Rahmen gesellschaftlicher Normen eingebunden, heute ist sie von der Verbindlichkeit bisheriger Riten befreit und muss individuell bewältigt werden. Die Umwelt kann den Betroffenen nur helfend Stützen anbieten.

Neben der Fortpflanzung ist der Tod das wichtigste Kriterium der biologischen Evolution. Ohne ihn gäbe es sie nicht. Er ist vielleicht vergleichbar mit der „schöpferischen Zerstörung“ (Schumpeter) im Rahmen der zivilisatorischen Weiterentwicklung. Mit dem Tod entsteht auf der Basis einer alles Leben verbindenden DNA-Einheit Platz für neue genetische Daseinsformen. Solange es die biologische Evolution gibt, muss es ihn geben. Trennen wir uns von ihm, werden wir verstärkt die Entwickler der neuen zivilisatorischen, digitalen Evolution, verlassen wir unser biologisches Dasein und werden als Avatare zu einer Urzelle einer neuen evolutionären Energieform.

DMT (Dimethyltryptamin) ist eine chemische Substanz, die der Körper selbst herstellt. Sie hat eine stark halluzinogene Wirkung und kann starke Bewusstseinsveränderungen hervorrufen. Die Schamanen verschiedener Kulturkreise nutzen sie über einen Trank, um mit ihrer Hilfe Zeit und Raum zu verlassen. Im menschlichen Körper ist sie im Blut, Urin und in der Flüssigkeit (Liquor), die das Gehirn und das Rückenmark umspülen enthalten. Man kann sie wahrscheinlich in allen Lebewesen finden. Welche Bedeutung sie jeweils in deren Körpern hat, weiß man nicht. Im Menschen soll sie das Gehirn vor einem Sauerstoffmangel schützen, die Reparatur seiner Neuronen fördern und an seinen Träumen und seiner Kreativität beteiligt sein. Vermutet wird, dass sie uns vor dem Sterben auf eine psychedelische Wanderung bringt und so für mögliche Nahtoderfahrungen verantwortlich ist. So kann ein Tod vielleicht manchmal auch eine positive Form für unseren Abschied von der Erde bekommen.

Der vielleicht jüngste Versuch sich eine gewisse Unsterblichkeit zu sichern ist der einer Digitalisierung unseres Bewusstseins. Man bleibt seiner Nachwelt so als Avatar erhalten und kann sich so weiter mit seinen Angehörigen unterhalten. Firmen bieten sie bereits als „Digital Afterlife“ an. Es gibt sie bereits auf Textebene (wie ein Chatbot), auf Sprachebene und als Videoausgabe. An der Universität in Cambridge gibt es sogar eine Professur zur digitalen Unsterblichkeit. Bei einer solchen Einrichtung stellt sich die Frage, wem sie dann letztlich dient, dem Verstorbenen psychisch für seinen Glauben an ein Weiterleben oder der Umwelt für ihre Trauerbewältigung. Letztlich wird sie aber in der Zukunft immer nur das Bild einer Vergangenheit darstellen.

Wir wissen nicht, ob die Bewegung des Universums ein Ziel hat und wenn ja, welches es ist. Wir wissen nur, dass es eine in Bewegung sich befindende energetische Existenz ist, in der wir für eine kurze Zeitspanne einen winzigen Raum einnehmen. Auch einen realen denkbaren Sinn dieser Existenz kennen wir nicht. Wir sind zunächst nur einfach da und folgen letztlich, vielleicht entelechisch, nur uns unbekannten Gesetzen.

Nach unserer rationalen Erkenntnis besteht unser biologischer Sinn einzig in unserer Fortpflanzung und unserem existentiellen Erhalt für unseren Nachwuchs, um die in uns sich befindende Energie in Bewegung zu halten. Eine wahrscheinlich weitere bestehende übergeordnete Sinnebene besteht vielleicht in der Evolution des Biologischen zu einem am Ende uns unbekannten Ziel, vielleicht einer primär evolutionären Informationsebene, die sich bereits in unserer Zeit über die digitalen Technologien und die KI abzeichnet. Wenn dem so ist, stellt sich die Frage nach der zukünftigen Bedeutung der Menschheit. Man könnte sie damit als abgeschlossen ansehen. Für das einzelne mit einem Bewusstsein behaftete Individuum ist dies eine beängstigende Vorstellung. Bisher durchliefen ihre Vorfahren ihre primär biologische Zeitspanne und danach in Wellen eine kulturell-zivilisatorische, die uns bis zu unseren heutigen energetisch-technischen Welt brachte. Für das Selbstwertgefühl des einzelnen Individuums heute eine ausweglose Situation. Nachdem er seine biologische und danach technologischen Sinnzeit durchlebt hat und darüber alt geworden ist, stellt sich ihm nun heute die Frage nach dem Lebenssinn in seinem Alter. Die Wirtschaft und die Egoismen der daran Verdienenden sagen im Konsum. Man soll seiner glückbereitenden Hormonwelt noch einige schöne Lebensjahre gönnen. Eine Perspektive, die den extravertierten Bevölkerungsgruppen sehr entgegenkommt und die Betroffenen von finsteren Gedanken wegkompensiert. Verbunden ist der Konsumgedanke mit dem Gedanken der Selbstverwirklichung und Bedürfnisbefriedigung. Grenzenlos ausgelebt bei der Vielzahl der Menschen überfordert dies die Ressourcen der Erde und führt, indem wir dadurch allmählich alle unsere Existenzvoraussetzungen (Luft, Wasser, Boden, Umwelt, existentiell notwendige Arten) zunächst belasten und am Ende zerstören zu unserem selbst herbeigeführten Untergang. Einige unserer glücksverheißenden Ideologien fördern diese Entwicklung. Der einzige Ausweg aus dieser Situation scheint auf breiter Basis der Verzicht zu sein und eine möglichst große Rückkehr zu unserem ursprünglichen biologischen Hintergrund, d.h. auch einer engeren emotionalen Vergemeinschaftung mit der Natur. Dies kommt der introvertierten Bevölkerung sehr entgegen und würde eine weitgehende Rückkehr zu einem Transzendentalleben bedeuten, wieder zu einer emotionalen Vergemeinschaftung mit der Natur und den energetischen Kräften des Universums. Heute haben die Menschen der westlichen Welt ihre Beziehung zur Transzendenz weitgehend verloren. Sie wissen gar nicht mehr, was sie ist. Einst von den Religionen in Verbindung mit ihren Setzungen vereinnahmt, hat sie sich aus unserem Emotionsleben völlig entfernt. Einzelne Mystiker und Pantheisten, u.a. Franz von Assissi (1181 – 1226), Jacob Böhme (1575 – 1624) und im jüdischen Bereich Baruch de Spinoza (1632 – 1677) haben zwar versucht, noch Verbindungen herzustellen, aber bereits Spinoza sehr rationalisiert. Unsere innere Freiheit sei nur die „Unkenntnis der Ursachen, die uns bestimmen“, sagt letzterer. Heute gibt es gewisse Rückkehrversuche im Rahmen von Meditations- und Achtsamkeitsübungen. Aber auch sie weitgehend kulturell überlagert und statusorientiert, z.B. mit dem Ziel als Manager erfolgreicher zu sein. Bei dem allem bleibt für uns das Problem, als „Alte“ unserem Leben einen tatsächlichen Sinn zu geben, denn nur dann hat es tatsächlich einen Sinn. Sozial bedeutet es, sich wieder verstärkt gesellschaftlichen, nicht auf den persönlichen Vorteil ausgerichteten Aufgaben zuzuwenden, d.h. karitativen, oft ehrenamtlichen. Der erhaltene Lohn ist dann die Dankbarkeit und der Glanz in den Augen der Geholfenen und damit das Ansprechen einer dritten, ansonsten zunehmend vernachlässigten Seite im Menschen: Er ist von seiner Natur her vermehrt ein gemeinschafts- und kein Individualwesen. Allein, einsam, wird er in der Regel eher oder später psychisch krank. Die vielen einsamen, verbitterten Menschen, soweit sie überhaupt noch die Kraft dazu haben, sehen wir nur nicht auf unseren Straßen. Sie warten, soweit sie nicht recht und schlecht in Pflegeheimen untergebracht sind, nur einsam in ihren Zimmern auf ihren Tod.

Zu diesen sozialen, menschlichen Altersproblemen kommt heute (2026) noch der zivilisatori-sche Umbruch. Nach der Sesshaftwerdung des Menschen vor 10.000 Jahren, der Industrialisierung vor 200 Jahren erleben wir heute wieder einen Umbruch ins kommende digitale Zeitalter. Welche Folgen damit verbunden sind, wissen wir auch nicht. Unsere Langlebensbewegung (Longevity) hilft uns zwar unser Leben bei möglichst guter Gesundheit zu verlängern, doch wofür, für welche Zielsetzung, welchen existentiellen Sinn? Bei guter Gesundheit ist zunächst ein Ziel und dann? Biologisch sind wir Kinder unseres Erbgutes und der epigenetischen Erlebniswelt unserer Vorfahren. Das Erbgut bestimmt die Vielfalt unserer möglichen Eiweißmoleküle und die Epigenetik ruft ihre Produktion ab. Einen weiteren Einfluss darauf haben unsere Mitochondrien, die die Energiegewinnung in unseren Zellen bestimmen. Zu dieser biologischen Ausgangssituation kommt in einem zweiten Schritt unser symbiotisches Mikrobiom. Ohne die Milliarden in und auf uns lebenden Bakterien und Pilze sind wir gar nicht überlebensfähig und nicht nur das, sie steuern auch weitgehend unsere Hormonproduktion und darüber unsere Gefühle und unser Denken. Unser Gehirn bestimmt zwar bewusstseinsmäßig unser Ich, aber seine Ergebnisse ergeben sich aus den Schaltungen seiner Synapsen, über die Transmitter seiner Nervenbahnen und die wiederum werden über unsere Hormone aktiviert. Zu dem allem kommt, dass die Schaltungen unserer Nervenbahnen während unserer Prägungs-phase als Kinder weitgehend sozial, d.h. in diesem Fall kulturell festgelegt werden. Fast alle unsere Werte sind die Ergebnisse ihrer mehr oder weniger ideologischen Setzungen. Ohne sie können wir orientierungsmäßig nicht sein. Sie sind aber alle relativ, alle austauschbar. Man muss sie nur folgerichtig hinterfragen und geschichtlich mit anderen Kulturen vergleichen. Das gilt auch für unsere Altersvorstellungen. In manchen indigenen Kulturen töteten die Eltern ihre Kinder, wenn sie diese nicht ernähren konnten oder schickten ihre Alten in den Tod. Und unser heutiges Familienbild ist noch keine 200 Jahre alt.

Mit dem Beginn unserer Industrialisierung brach in den westlichen Gesellschaften verbreitet größtes Elend aus. Eine Antwort darauf war die philosophische Entwicklung des sozialistischen Gedankengutes. Parallel dazu entwickelte sich aber in den wohlhabenderen Gesellschafts-schichten des Bürgertums eine Idealisierung des familiären Daseins. Sentimental lobte man die Drei-Generationen-Familie (zuvor hatte es sie nur in Ausnahmesituationen gegeben, da die meisten Menschen dafür nicht alt genug wurden), romantisierte man die Bemühungen der Großeltern um ihre Enkel. Und als dritte Gruppe verselbständigte sich ideologisch die nach den Napoleonischen Kriegen und der Revolution von 1845 entstandene „Jugendbewegung“. Aus ihr ging zunächst in Deutschland die Lebensreformbewegung hervor, die über ihren religiösen und politischen Hintergrund hinaus zu einer neu zu gewinnenden „Natürlichkeit“ des Lebens gelangen wollte. Zunächst ging aus ihr kulturell der „Jugendstil“ und die „Wandervogel-bewegung“ hervor, die dann später zum historischen Hintergrund unseres heutigen Individualismus und unserem Wunsch nach Selbstverwirklichung wurde, beides Forderungen, die in der gelebten Realität durch den in ihnen enthaltenen Egoismus uns von dem früheren Natürlichkeitsideal nur entfernen und inzwischen neben der KI zur größten Bedrohung für die Zukunft der Menschheit werden. Die einzelne Person fühlt sich in der Regel von diesen Bedrohungen nicht betroffen. Je älter sie wird und je öfter sie von Menschen, Gegenständen , aber auch ihren eigenen körperlichen und geistigen Möglichkeiten Abschied nehmen muss, verschwimmt alles bei ihr in einem zunehmend nebulöser werdenden kompensatorischen Noch-dasein-wollen, einem Wollen, von dem sie dann eines Tages ihr Tod befreit.